Bei einem Münchner Autobauer setzt die Wisag diesen Reinigungsroboter, einen Cleanfix RA660 Navi, ein.

Bei einem Münchner Autobauer setzt die Wisag diesen Reinigungsroboter, einen Cleanfix RA660 Navi, ein. - Bild: Wisag

| von Michael Sudahl

Die Reinigungsmaschine fährt im Schritttempo den Flur entlang, biegt ab und setzt blinkend, ohne menschliche Hilfe ganz leise ihre Arbeit fort. Bekannt sind Saugroboter, etwa für den privaten Haushalt, in der Gebäudereinigung schon lange. Inzwischen finden die großen Brüder der kleinen Saubermacher ihren Einsatz auch in der Industriereinigung. Etwa in der Lackiererei eines Münchner Autoherstellers.

Doch ganz ohne Kollege Mensch putzt auch das grün-weiße Cleanfix-Gerät nicht. Gabriel Doro ist Wisag-Einsatzleiter und Roboter-Pfleger in Personalunion. Er legt Startpunkt und Karten an, nach denen der Roboter im Dienste der Gebäudereinigung die 2500 m² große Industrie-Fläche säubert. Außerdem tauscht er nach dessen Arbeit die 50 Liter Abwasser gegen frisches aus.

Roboter-Einsatz in der Gebäudereinigung

Ausgestattet mit Ultraschall- und Infrarotsensoren sowie einem Laser fährt der elektronische Mitarbeiter "RA660 Navi" stoisch seine Pläne ab. Erkennt er Hindernisse, kurvt er drum herum oder bleibt stehen. 99 Reinigungsprogramme hat der mit zwei Bürsten arbeitende Roboter gespeichert.

Weil der Reinigungsroboter intelligent ist und vernetzt werden kann, wäre mit ihm, oder mit Modellen anderer Hersteller, noch weit mehr möglich, als nur Abbarbeiten von Plänen. In Zeiten der Digitalisierung können "smarte" Reinigungsmaschinen, die miteinander und mit anderen Systemen im Gebäude kommunizieren, Reinigungspläne an das Wetter anpassen, Leistungsberichte in Echtzeit senden oder Signale schicken, wenn sie gewartet werden wollen.

Programmierung eines Reinigungsroboters in der Gebäudereinigung
Gabriel Doro, Einsatzleiter der Wisag bei einem Münchner Autobauer, programmiert seinem Reinigungsroboter. - Wisag

"Technisch ist das heute bereits möglich", sagt Jan Martijn, Leiter Produktmanagement beim Reinigungsmaschinen-Unternehmen Nilfisk. Und auch mancher Kunde ist offen für das Thema der neuen digitalen Technologie. In der Nilfisk-Studie "Global Cleaning Trends" geben 29 Prozent der Befragten an, dass vernetzte Gebäudereinigung ein wichtiger Trend ist. 33 Prozent sagen, dass sie bereit sind, vernetzte Reinigungslösungen zu verwenden, während 28 Prozent davon ausgehen, sie erst 2020 einzusetzen.

Martijn sieht das ähnlich und meint, bis in ein, zwei Jahren seien durch die Digitalisierung deutliche Effizienzsteigerungen in der Gebäudereinigung möglich. So könnten in Zukunft statt einem Roboter fünf autonome Geräte von Mitarbeitern wie Einsatzleiter Doro bedient werden. In einem Projekt mit einem europäischen Reinigungsunternehmen sammelt Nilfisk über ein halbes Jahr lang Daten. Sensoren und mit dem Programm Track-Clean ausgerüstete Geräte erheben sie.

Industriereinigung wird durchsichtiger

Im Ergebnis ist zu sehen, wie tatsächlich gereinigt wird. Der Kunde - auch in der Industrie - erhält durch die Digitalisierung Informationen, die früher nur der Gebäudereiniger besaß. Interessant zu sehen ist etwa die Abweichungen zwischen geplanter und tatsächlicher Reinigung. Zudem wird deutlich, dass manches Gerät nicht voll ausgelastet ist. Oder Bediener zögern, diese zu nutzen und putzen stattdessen lieber weiter händisch. Zudem wurde oft nicht an vereinbarten Tagen gereinigt, so dass der Kunde reklamierte. Die Datenanalyse zeigt überdies Einsparpotenzial bei den Gesamtkosten, aber auch wie Reinigungspläne verbessert werden können.

Reinigungs-Branche im Aufbruch

Allerdings ist in der Gebäudereinigung bisher noch wenig vom IoT (Internet of Things, Internet der Dinge) angekommen. Dabei können kleine Digitalisierungs-Lösungen enormes Potential heben. Eine solche Killer-Applikation hat ein schwäbisches mittelständisches Unternehmen ausgetüftelt. Bereits seit zwei Jahren nutzt die Firma Bosig aus Gingen, ein Hersteller von Reinigungsgummis, eine Applikation, die ihm sein Entsorger "Du: willkommen in der Umwelt" zur Verfügung stellt.

"An meiner Pinwand hängen QR-Codes, die ich per Ipad ablese. Jeder Scan löst automatisch den Abholauftrag aus", erklärt Akin Güngör, Versandleiter bei Bosig und zuständig dafür, dass alle sieben Container sowie beide Müllpressen geleert und instandgehalten werden. Früher musste er für jeden Auftrag extra beim Göppinger Dienstleister anrufen. Das fraß Zeit und Nerven, weil oft Leitungen besetzt waren. Inzwischen laufen alle Bedarfe bei Güngör zentral zusammen. Innerhalb von 30 Sekunden ist der Auftrag abgesetzt. Die Bestätigung kommt postwendend per Mail, inklusive avisiertem Abholtermin.

Akin Güngör, Versandleiter bei Bosig, löst die ABholaufträge für seine Abfallcontainer per QR-Code und App bei seinem Entsorger "Du: Willkommen in der Umwelt" aus.
Akin Güngör, Versandleiter bei Bosig, löst die ABholaufträge für seine Abfallcontainer per QR-Code und App bei seinem Entsorger "Du: Willkommen in der Umwelt" aus. - Bild: Du

"Das virtuelle Verfahren hat auch einen ökologischen Aspekt", erklärt Du:-Chefin Beate Schwarz. So kann Bosig seine Recyclingquote erhöhen, weil durch die Datenauswertung Potenziale entdeckt wurden.

Statt Schwammgummi-Späne aus der Produktion im Heizkraftwerk zu verbrennen, überführt der Entsorger die Kautschuk-Verschnitte nach Maastricht. Der Aufkäufer stellt daraus Tartanbahnen her. So vermeidet Bosig Müll, bessert seine Ökobilanz auf und hat sich nach dem Umweltmanagementsystem ISO 14001 zertifizieren lassen. Auch der prozentuale Restmüllanteil ist deutlich gesunken.

Industriereinigung: Präventive Wartung

Ähnlich den Schwaben wollen Reinigungsgeräte-Hersteller die Vernetzung vorantreiben. Sie streben eine effiziente Fernüberwachung und -wartung an. Zudem können Gebäudereiniger anhand gesammelter Daten Leistung verfolgen, Änderungen erkennen und sofort korrigierend eingreifen – etwa eine autonom arbeitende Maschine per Ferndiagnose untersuchen sowie präventive Wartungen einleiten.

Das Marktpotenzial für IoT-basierte Systeme ist jedenfalls enorm: Nach Schätzungen von Nilfisk liegt der Markt für autonome Maschinen bei rund drei Milliarden Euro – das sind 40 Prozent des gesamten Marktes für professionelle Reinigungstechnik.

Richtig spannend wird die Digitalisierung, wenn Maschinendaten vorausschauend warten und Instandhaltungen ankündigen. "Damit können Betreiber den Zustand der Anlage überprüfen und Ausfälle vorhersagen", so Martijn. Sie sehen, welche Teile (etwa eine Batterie oder eine Bürste) sie tauschen müssen. Die Kombination aus Fernüberwachung und antizipierender Wartung wird die traditionellen Geschäftsmodelle der Gebäudereinigung verändern. Entscheidend dabei sind jedoch die Gesamtbetriebskosten.

Unternehmen kaufen Zeit statt Maschinen

So sehen Experten, dass Kunden in Zukunft vermehrt Reinigungszeit statt Geräten kaufen. Ganz ähnlich wie sich Mobilität verändert, weg vom Autobesitz, hin zum Mobilitätskonzept, das aus Fahrzeugen und Verkehrsmitteln unterschiedlichster Art besteht, die alle miteinander kommunizieren und untereinander kombinierbar sind: Bahn, Bus, E-Auto und E-Bike.

Rolls Royce hat bereits ein ähnliches Power by the hour-Modell umgesetzt. Mit Hilfe ausgeklügelter Telematik beaufsichtigt das Unternehmen ständig den Zustand jedes einzelnen Motors, um die Wartung zu planen und Ersatzteile zeit- und ortsnah bereitstellen zu können. Darüber hinaus nutzt Rolls Royce die Daten für die Entwicklung neuer Triebwerke und Dienstleistungen.

Als nächsten Schritt prognostizieren Facility-Management-Experten in der Industriereinigung den Einsatz von virtuellen Nachbildungen physischer Anlagen und Systeme – sogenannte "digitale Zwillinge". Dieses Modell ermöglicht, Probleme zu lösen bevor sie auftreten.

Ein weiteres Szenario der Digitalisierung sind autonome Gebäude und Industrieanlagen, die wie durch ein zentrales Nervensystem miteinander vernetzt sind und automatisch Bedürfnisse der Bewohner mit den vorhandenen Ressourcen abgleichen. Aktuelle IoT-Treiber wie Kostendruck, Sensorik und Cloud-Computing zeigen, dass diese Szenarien bald Realität werden könnten.

Digitale Helferlein bei der Reinigung

Heute schon Realität ist der Rohrreiniger Jetty, den die Wisag-Gruppe einsetzt. Der Industriedienstleister vertraut einem Roboter, der reinigt und Orte inspiziert, die sonst nur mit großem Aufwand begehbar sind. Jetty gelangt in schwer zugängliche lüftungstechnische Anlagen, kriecht durch Küchen- und Industrieabzüge sowie Kanäle und Rohrleitungen in der Petro- und Pharmaindustrie.

Rohrreiningungsroboter "Jetty" im Wisag -Einsatz am Standort Leuna.
Rohrreiningungsroboter "Jetty" im Wisag -Einsatz am Standort Leuna. - Bild: Wisag

Am Chemiestandort Leuna kann die Maschine verschiedene Alternativen kombinieren. "Zur herkömmlichen Bürstenreinigung kommen Trockeneis-, Sand- oder Wasserhöchstdruckstrahlen sowie eine maschinelle Reinigung mit einem Spachtel", erklärt Wisag-Niederlassungsleiter Silvio Krause.

Dabei fährt Jetty sowohl durch waagerecht wie auch durch senkrecht verlaufende Rohre mit einem Durchmesser von 200 bis 1.300 Millimeter. Zur Dokumentation filmt der Roboter die gesamte Reinigung von zwei Kameras.

Neben dem Putzen kann der neue Kollege auch inspizieren, instand halten und reparieren. Und weil er mit etlichen Werkzeugen ausgestattet ist, kann er sogar Leitungen schweißen und beschichten, Leckagen abdichten oder Rohre desinfizieren.

"Gebäudereinigung bleibt personalintensiv"

Johannes Bungart ist der Geschäftsführer des Bundesinnungsverbandes des Gebäudereiniger-Handwerks. Der Verband vertritt rund 700.000 Beschäftigte - damit sind die Gebäudereiniger das beschäftigungsstärkste Handwerk in Deutschland. Wir haben ihn zur Zukunft siener Branche befragt.

Wie verändert die Digitalisierung die Industriereinigung?

"Um einem vermeintlichen Schwarz-Weiß-Klischee gleich zu Beginn entgegenzutreten: Nein, unsere Beschäftigten werden nicht massenhaft durch Reinigungsroboter ersetzt werden. Das ist Science-Fiction, zumindest auf absehbare Zeit. Sicherlich ist ein solcher Einsatz beispielweise in einer großen Industriehalle vorstellbar, in der eine Maschine Nacht um Nacht ihre Runden dreht. Doch wir sind und bleiben bis auf Weiteres eine personalintensive Branche, ein People Business, in dem saubere Handarbeit gefragt ist und bleibt. Aber klar, die Digitalisierung der Technik und Prozesse, KI, Automation, Robotik oder Sensorik – all das führt auch in unseren Unternehmen Tag für Tag zu Neujustierungen."

Welch Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden drei Jahren?

"Ob drei, fünf oder zehn Jahre – Trends mit Jahreszahlen zu belegen, ist schwierig. Schauen wir in die Praxis: Fakt ist, dass sich zum Beispiel der Datentransfer zwischen den Gebäudedienstleistern sowohl mit Lieferanten als auch mit Kunden weiter digitalisieren wird. Anderes Beispiel: Künftig könnte die Häufigkeit einer Reinigung nicht mehr im vorab vereinbarten Rhythmus erfolgen, sondern Sensorsysteme geben Bescheid. Reinigen wird damit effektiver und nachhaltiger. Es wird zunehmend neue Technologien geben, die Prozesse vereinfachen oder sogar überflüssig machen und dabei gleichzeitig Flexibilität und Zeit verschaffen, die wiederum andere Entwicklungen anstoßen. Ein wichtiger Begriff für die Unternehmen ist Prozessoptimierung. Und um dabei zu bleiben: Optimierung heißt verbessern – insofern sollten wir die Digitalisierung als spannende Chance positiv begleiten."

Wie können sich die Arbeitnehmer der Branche darauf vorbereiten?

"Wichtig ist, dass auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Digitalisierung grundsätzlich als Chance und nicht als Bürde begreifen. So kann zum Beispiel Automation körperliche Arbeiten ersetzen und Sensorik unnötige Arbeitsschritte vermeiden. Auch für Beschäftigte sind das gute Nachrichten. Übrigens macht die Digitalisierung die Arbeitsplätze in der Reinigung perspektivisch nicht nur einfacher, sondern gerade für junge, technik-affine Menschen auch attraktiver. So setzt die Digitalisierung womöglich gute Impulse für die Nachwuchsgewinnung. Fest steht: Die Unternehmen müssen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stärker mitnehmen. Moderne betriebliche Fort- und Weiterbildung, lebenslanges Lernen und ‚Training-on-the-job‘ nehmen im Zuge der Digitalisierung an Relevanz deutlich zu."