Eine Reinigungskraft putzt eine Fentscherscheibe.

Bei der Fremdvergabe von Reinigungsdienstleistungen in der Industrie gibt es vieles zu beachten. - Bild: stock.adobe.com/alfa27

| von Gerd Mischler

Die Vorteile einer Produktion unter sauberen und hygienischen Bedingungen liegen auf der Hand: Einwandfreie und nicht durch Schmutz aus der Fabrikhalle kontaminierte Produkte. Die Ansprüche bei der Fremdvergabe von Dienstleistungen bei der Gebäudereinigung in der Industrie sind daher hoch. Denn schnell kann durch kleine Unsauberkeiten viel schiefgehen.

Ein Beispiel: In der Charge günstiger Schrauben aus China befinden sich einige, die nicht sauber entgratet wurden. Während mit ihnen Steuergeräte an Bord des Neuwagens befestigt werden, löst sich ein Metallpartikel. Er gerät auf die Leiterplatte und überbrückt zwei Schaltkreise. Die Dieseleinspritzung versagt. Die Werkstatt berechnet dem Kunden für das neue Steuergerät einen vierstelligen Betrag. Der Autobauer verliert an Vertrauen und Reputation

Reinigen nach Regelwerken

Um solche Imageschäden zu vermeiden, schreiben die Konzerne vor, wie viele Staub- und Metallpartikel maximal dort auftreten dürfen, wo Zulieferer Bremsen, elektrische Bauteile oder Komponenten für die Lenkung fertigen. Da auch Rückstände von Ölen und Fetten die diversen Düsen, Filter und Ventile verstopfen können, produzieren viele Lieferanten in Sauberräumen (SaS2) nach dem Standard VDA 19 des Verbands der Automobilindustrie beziehungsweise der ISO 16232.

Der Vorteil: Diese Vorschriften garantieren jederzeit ausreichend saubere Produktionsbedingungen. Auch viele Maschinenbauer sowie Hersteller von Hydraulik und Mikrosystemen fertigen in Sauberräumen.

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Outsourcing der Reinigung

Bei den Reinigungsarbeiten gehen die Dienstleister vor wie eine gute Putzfrau beim Hausflur, sagt Harald Hundt, Co-Vorsitzender des Arbeitskreises Bauteilsauberkeit beim ZVEI und Gruppenleiter Entwicklung Induktive Bauelemente bei Vacuumschmelze: "Sie saugen die Produktionsräume und wischen dann nass."

Die weltweit 4.300 Mitarbeiter des Hanauer Unternehmens stellen an verschiedenen Standorten magnetische Werkstoffe, Stromsensoren sowie Permanentmagnete und induktive Bauteile sowie Komponenten für die Automobil- und Luftfahrtindustrie her. Auch Unternehmen aus der Energie- und Medizintechnik zählen zu den Kunden.

Das Unternehmen setzt bei den Reinigungsarbeiten auf Fremdfirmen. Dabei müssten die eigenen Mitarbeiter die Gebäudereiniger lediglich einarbeiten, berichtet Hundt. "Die Kollegen in der Fertigung erklären den Putzkräften, was sie in welchen Intervallen tun müssen, wo sie nicht hintreten und welche Maschinen und Anlagen sie auf keinen Fall anfassen dürfen." Da dies keine Spezialkenntnisse erfordere, entscheide bei der Fremdvergabe vor allem der Angebotspreis darüber, an welches Unternehmen der Einkauf den Reinigungsauftrag vergibt.

"Natürlich achten wir darauf, dass beauftragte Gebäudereiniger nach ISO 9001 zertifiziert sind", ergänzt Hundt. Das Siegel sage aber für die Praxis wenig aus. "Wirklich beurteilen lässt sich die Qualität der Arbeit nur, wenn wir sehen, wie sie erledigt wird."

Unterschiede bei den Ansprüchen an die Sauberkeit

Mit ihren Ansprüchen an die technische Sauberkeit liege Vacuumschmelze im Branchenvergleich im Mittelfeld, schätzt Hundt. "Hersteller von sicherheitserelevanter Sensorik, Kameratechnik oder Steuergeräten haben bestimmt größere Ansprüche an Reinigungsdienstleister", vermutet er.

"Auch unterschiedliche Branchen verstehen etwas anderes unter Sauberkeit", weiß Dr. Markus Rochowicz, Gruppenleiter Reinheitstechnik am Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA). Deshalb müssten die Verantwortlichen für Instandhaltung, Wartung und Produktion zwei Fragen beantworten, bevor sie einen Reinigungsdienstleister beauftragen:

  • Welche Sauberkeit brauche ich, um meine Produkte in der gewünschten Qualität herstellen zu können?
  • Was genau verursacht in meinem Produktionsumfeld die größten und problematischsten Verunreinigungen?

"Bei technischen Prozessen sind das meist Spane und Grate, die beim Bohren, Fräsen oder Schleifen sowie Schraub- und Fügevorgängen entstehen. In hygienerelevanten Umfeldern ist die Hauptverunreinigungsquelle der Mensch", erklärt Rochowicz.

Dienstleistungen abstimmen

Von der Antwort auf die obigen Fragen hängt es ab, welche technischen, chemischen und mikrobiologischen Qualifikationen in der Gebäudereinigung ein Dienstleister haben muss. Ein Vorteil ist beispielsweise, wenn Reinigungsdienstleister, die Reinräume in der Nahrungsmittel-, Pharma- oder medizintechnischen Industrie säubern, Mikrobiologen und Chemiker beschäftigen und ein eigenes Labor haben.

Bei Reinigungsleistungen im Maschinenbau müssen die Mitarbeiter der Fremdfirma dagegen wissen, in welchen Bereichen einer Maschine sich Schmutz ansammelt und ob er sich am effizientesten manuell oder mit einem Wasserstrahl beseitigen lässt. Sie müssen zudem vermeiden, dass Reinigungsmittel die Anlage beschädigen und behutsam mit der hochempfindlichen Sensorik, Kameratechnik sowie den Steckverbindungen in Roboter- und vernetzten Fertigungsanlagen umgehen.

Damit Verantwortliche in der Instandhaltung ein Reinigungsteam in diese Aufgaben einarbeiten können, muss dessen Vorarbeiter Deutsch sprechen. "Nur dann ist gewährleistet, dass er Anweisungen zu seinen Aufgaben und zur Arbeitssicherheit versteht und an seine eigenen Mitarbeiter weitergeben kann", erklärt Sengül Karka, Mitglied der Geschäftsleitung beim Reinigungs-, Sicherheits- und Personaldienstleister Birgroup in Lübeck. "Wer annimmt, dass nur deutsche Reinigungskräfte anrücken, täuscht sich", warnt Karka. Das sei seit vielen Jahren nicht mehr der Fall.

Reinigungskräfte rationell einsetzen

Ein guter Reinigungsdienstleister schicke zudem immer dasselbe Team zu einem bestimmten Kunden, ergänzt Karka, die selbst 5.000 Mitarbeiter im Einsatz hat. "Je mehr Erfahrung die Kräfte mit einer speziellen Maschine haben, desto besser wissen sie, wie sich einfache Schmutzpartikel oder hartnäckige Verschmutzungen aus verwinkelten und unzugänglichen Bereichen entfernen lassen", veranschaulicht Karka.

Je größer die Anforderungen an die Sauberkeit in einem bestimmten Produktionsumfeld sind und je schwieriger dessen Reinigung ist, desto größer sind die Ansprüche an die Leistung des Reinigungsdienstleisters.

Die Reinigung eines Reinraums - sehr kompliziert für die Reinigungskräfte.
Die Reinigung von Laboren und Reinräumen ist sehr herausfordernd. - Bild: Warut / stock.adobe.com

Als Königsdisziplin der Industriereinigung gilt die Säuberung von Reinräumen nach ISO 14644-1. Solche Produktionsumgebungen nutzen etwa Hersteller von Lasertechnik, Halbleitern, Photovoltaik und Medizintechnik, die optische und die Lebensmittelindustrie.

Nach der Reinigung eines Reinraums der Klasse eins dürfen sich in diesem höchstens zehn 0,1 Mikrometer-große Partikel und zwei Teilchen finden, die doppelt so groß sind. Das ist, als lägen in einem Würfel von 30 Kilometern Kantenlänge zehn Tennis- und zwei Handbälle.

Um das gewährleisten zu können, reinigen Fachkräfte Reinräume nach genau definierten Abläufen. Diese legen die Betreiber und Hersteller der Räume fest. Sauber ist ein Reinraum danach nicht, wenn das Reinigungspersonal mit dem feuchten Lappen jeden Winkel und jede Oberfläche gewischt hat.

"Ein Reinraum ist erst sauber, wenn er frei von Partikeln und wo wie in der Medizintechnik oder Pharmaindustrie erforderlich auch mikrobiologisch steril ist", beschreibt Markus Rochowicz vom Fraunhofer IPA die Anforderungen.

Schulungen bei Reinigungsunternehmen

Damit ihre Fachkräfte die hohen Ansprüche erfüllen können, müssen Dienstleister sie in der Reinigung von Reinräumen schulen und gewährleisten, dass all ihre "Clean Operators" den gleichen Ausbildungsstand haben. Außerdem müssen sie verstehen, welche Arbeiten erforderlich sind, um einen gegebenen Reinraum so sauber zu bekommen, wie es die Produktion ihres Kunden erfordert. Sonst greifen Dienstleister unter Umständen zu den falschen Reinigungsgeräten und –medien.

Reinraumtaugliche Geräte werden unter anderem vom Fraunhofer IPA zertifiziert. Ob Firmen entsprechendes Equipment vorhalten, lässt sich überprüfen. "Was aber häufig unterschätzt wird, ist, dass auch die Qualität von Wischlappen, Handschuhen und Mundschutzmasken über den Reinigungserfolg entscheidet", warnt IPA-Experte Rochowicz.

"Wenn ein Mundschutz für den hygienerelevanten Bereich gemacht ist, hält er zwar Tröpfchen in der Atemluft zurück, gibt aber unter Umständen Textilfasern in den Raum ab." Das gleiche Problem verursachen Wischlappen, die nicht absolut fuselfrei sind. Um solche Probleme zu vermeiden, sollten sich Instandhalter von einem Dienstleister schriftlich darlegen lassen, dass er seine Arbeit mit zertifiziertem Equipment ausführt.

Hygienestandards dürfen bei Outsourcing nicht leiden

Besonders groß sind die Anforderungen an die Sauberkeit und Hygiene in der Nahrungsmittelindustrie. Da die Betriebe die Sicherheit ihrer Produkte für den Verbraucher gewährleisten müssen, arbeiten in der Lebensmittelproduktion mehr Betriebe in Reinräumen als in jeder anderen Branche.

Nur dort sind ihre Verarbeitungsprozesse ausreichend und nachweisbar hygienisch. Vorausgesetzt die Hersteller beachten einschlägige DIN-Normen und Gesetze und folgen den Grundsätzen der "Guten Herstellungs-" und "Guten Hygienepraxis". Outsourcing der Reinigungsleistungen können sie nur betreiben, wenn die beauftragten Dienstleister garantieren, dass sie ebenfalls nach diesen Regelwerken arbeiten.

Solche Anbieter haben Routinen für die Säuberung ihrer eigenen Geräte entwickelt, setzen Reinigungs- und Desinfektionsmittel ein, die auf der Desinfektionsmittelliste des Industrieverbands Hygiene und Oberflächenschutz stehen, und wissen, dass Chemikalien nur in der richtigen Konzentration und nach vorheriger gründlicher mechanischer Reinigung der Räumlichkeiten und Maschinen Keime zuverlässig beseitigen.

Kontrolle der Arbeiten

Außerdem bringen Fachkräfte solcher Firmen genug Zeit mit, um Reinigungsmittel einwirken zu lassen. Dienstleister brauchen also so viel Personal, dass sie dieses nicht unter Zeitdruck setzen müssen. Sie achten außerdem darauf, dass Mitarbeiter stets aktuelle Gesundheitszeugnisse haben und nehmen nach der Reinigung Abstriche von Oberflächen. Die Proben lassen sie von unabhängigen Laboren auswerten, um die Qualität ihrer Arbeit zu kontrollieren. Auch dokumentieren sie diese so, dass die Unterlagen der Überprüfung in einem Audit standhalten.

Lebensmittelhersteller werden von ihren Kunden sowie Gesundheits- und Veterinärämtern immer häufiger kontrolliert. "Außerdem müssen sie gegenüber Behörden und dem Handel nachweisen können, dass es nicht an der Hygiene in ihrem Betrieb lag, wenn verunreinigte Lebensmittel in den Verkauf geraten sind", berichtet Sengül Karka von Birgroup.

Ihre Mitarbeiter protokollieren daher, aus welchen Kollegen das Team bestand, das die Reinigung durchgeführt hat, wann es damit begonnen hat und wann die Arbeit erledigt war. Außerdem stehe darin, welche Chemikalien die Reinigungskräfte in welchen Dosierungen pro Anlagenbereich eingesetzt haben, und ob Probleme aufgetreten sind – die Kollegen also beispielsweise nicht genug Wasserdruck oder zu niedrige Temperaturen auf ihren Geräten hatten und intensiver mit der Hand reinigen oder die Dosierung erhöhen mussten. "Die Dokumentation eines guten Reinigungsdienstleisters sollte außerdem online jederzeit und von überall abrufbar sein", fordert Karka.

Fazit: Augen auf bei der Vergabe!

Doch selbst wer all diese Anforderungen vor Auftragsvergabe in einem Pflichtenheft schriftlich festhält, hat noch keine Garantie, dass er einen zuverlässigen und kompetenten Reinigungsdienstleister gefunden hat.

"Um herauszufinden, ob sie einer Reinigungsfirma wirklich die Verantwortung dafür übertragen können, dass die Behörden ihre Produktion nicht wegen Hygienemängeln stilllegen, müssen Instandhalter mit den für sie zuständigen Objektleitern und Vorarbeitern des Dienstleisters sprechen. Denn die Führungskräfte vor Ort haben entscheidenden Einfluss auf die Qualität der Arbeit", erklärt Birgroup-Führungsfrau Karka.

Solche Gespräche bräuchten zwar Zeit, nur so entstehe aber Vertrauen. Das ist wichtiger als der Preis, den eine Putzkolonne abrechnet, bestätigt auch Markus Rochowicz vom Fraunhofer IPA. "Wenn ich die Reinigung meiner Produktion nur als Kostenfaktor betrachte, kann ich im Bereich der Sauberkeit viel kaputt machen", warnt er. Dann heißt es im Falle einer Panne "dumm gelaufen". Wer seinen Dienstleister dagegen gut auswählt und ihn als Partner seiner Qualitätssicherung sieht, den belohnen Wettbewerber und Kunden mit einem anerkennenden "Sauber!"