Obsoleszenzmanagement, Zahnräder, Maschinen

Alte Maschinen arbeiten oft zuverlässig - bis ein Ersatzteil für die Reparatur benötigt wird. Dann tut gutes Obsoleszenzmanagement Not. - Bild: Pixabay

Was ist Obsoleszenzmanagement?

Obsoleszenzmanagement (u.a. von "obsolet" - "nicht mehr gebräuchlich") bezeichnet die Organisation, die Bevorratung oder die Beschaffung von gleichwertigem Ersatz für Bauteile, die in absehbarer Zeit nicht mehr produziert werden. So soll die Lebensdauer der Maschine oder Anlage, aus der das Bauteil stammt, verlängert werden. 

Die Alte säuft: Woche für Woche lassen Maschinisten 100 Liter Öl in eine 25 Jahre alte und 250 Tonnen schwere Walzmaschine eines Unternehmens in Nürtingen laufen. Diese Vorgehensweise hat ihren Preis und ist für den Betriebsleiter des Walzwerks keine Lösung mehr: Er bittet den Industrieservice-Anbieter Riempp, die Leckage zu beheben. Ein Anruf genügt und Instandhalter Jürgen Riehle ist vor Ort.

Der gelernte Maschinenbauer blickt auf 35 Jahre Erfahrung zurück. Er weiß: Bei fachmännischer Wartung funktionieren Geräte auch nach Jahrzehnten zuverlässig, laufen günstig und vor allem können ihre Besitzer sicher mit ihnen planen. Damit das so bleibt, sollten die Anlagen tägliche gepflegt werden. Zudem sind Obsoleszentmanagement, Dokumentation und frühzeitige Probleme-Diagnosen der Garant für eine lange Zeit im Einsatz.

Ohne Obsoleszenzmanagement aus dem Rennen

Die alte Walzmaschine in Nürtingen - ohne Obsoleszenzmanagement wäre sie nicht mehr reparabel.
Die alte Walzmaschine in Nürtingen - ohne Obsoleszenzmanagement wäre sie nicht mehr reparabel. - Bild: Riempp

Die Fehlersuche bei Ölverlust ist schwierig. „Jede alte Maschine verliert Öl, die Frage ist nur wo und wie viel“, erklärt Riehle, während er die Walzmaschine untersucht. Häufig vermische sich Öl mit Kühlmittel oder fließe in die Auffangwanne. Für die Fehlersuche muss die hausgroße Anlage grundgereinigt werden. In diesem Fall übernehmen diesen Job Mitarbeiter des Werks. Das entlastet den Servicetechniker und ist für den Kunden günstiger.

Nach der Reinigung ist die Ursache des Ölverlusts klar erkennbar: Ein defekter Hydraulikzylinder am Keulwagen. Der Instandhaltungsmeister entfernt das Bauteil aus und vermisst es. Wie bei so großen Maschinen häufig, weist die Komponente ein Sondermaß auf und im Ersatzteillager ist keine mehr vorrätig.

Also muss eine Spezialanfertigung beschafft werden. Riehle hat bei einem lokalen Partner angemeldet, dass er ein Ersatzteil benötigt, damit dieser sofort die Komponente fertigen kann, wenn der Instandhalter die Details kennt. Drei Tage nach dem Anruf ist das Ersatzteil gefertigt, geliefert und eingebaut. Riehle checkt die Anlage und das Walzwerk ist wieder voll einsatzfähig.

Schwierige Ersatzteilbeschaffung

Der Hersteller der Anlage sitzt in Frankreich“, erklärt der technische Betriebsleiter. Bis ein Techniker oder ein Ersatzteil aus dessen Lager verfügbar sei, dauere es Tage oder sogar Wochen. Das summiere sich rasch zu langen Stillstandszeiten, zumal auch die Beschaffung und der Einbau der Komponenten anfalle.

Darum setzen viele Industrieunternehmen auf Serviceanbieter wie Riempp. Der typische Dienstleistungs-Kunde hat acht bis zehn Bearbeitungsmaschinen von sechs bis zehn Herstellern. Damit ist er für deren Hersteller zu klein, um im Fall von Störungen sofort vor Ort zu sein. Aber groß genug, die Wartung an externe Profis zu delegieren.

Häufig sitzt der Hersteller eines defekten Teils im Ausland oder - gerade bei älteren Anlagen - existiert nicht mehr am Markt, was die Ersatzteilbeschaffung und natürlich auch das Obsoleszentmanagement erschwert.

Auf solche Fälle hat sich Riehles Arbeitgeber spezialisiert und betreut von drei Standorten aus KMUs und Großkunden wie Bosch, Festo oder Siemens. Dabei kümern sich die Experten unter anderem um Ersatzteilbeschaffung und Instandhaltung von kleinen Dreh-, Bohr- und Fräsmaschinen bis zu Anlagen mit komplexen Zuführsystemen, die Millionen von Euro kosten.

Ersatzteile nur bei Bedarf

Der Industrieserviceanbieter Riempp
Der Industrieserviceanbieter Riempp. - Bild: Riempp

Bei der Walzmaschine in Nürtingen wurde bewusst nur ein Ersatzteil ausgewechselt. Riehle nennt dies „Salamitaktik“. Vorbeugend alle Zylinder auszutauschen sei nicht umsetzbar. Es gäbe weder beim Ersatzteilhersteller noch bei den Technikern Kapazität, alle Zylinder zu bearbeiten.

Darum werde bei jeder Instandhaltung nur ein Problem behoben. Vorbeugendes Auswechseln einzelner Komponenten könne niemand realisieren. „Die Prozesse des Ausbaus, der Herstellung und des Einbaus des Ersatzteils dauern alle etwa gleich lange“, so Riehle.

Tägliche Wartung als A und O

Wenn der Instandhalter von seinen Anlagen spricht, vergleicht er sie häufig mit Oldtimern. So sieht er auch deren Alter relativ. Viel wichtiger seien Nutzung, Belastung und Wartung. Die Geräte in seiner Verantwortung sind von neuwertig bis 50 Jahre alt. Das Wichtigste für eine reibungslose Instandhaltung sei die tägliche Wartung. Dazu gehören Reinigen und Schmieren. In diesem Prozess fallen Probleme auf, die behoben werden müssen.

„Ein Defekt ist ein schleichender Prozess“, erklärt Riehle. Es sei von großer Bedeutung, die Mitarbeiter einzubinden, besonders wenn diese den ganzen Tag an derselben Maschine arbeiten. „Oft kennen die Arbeiter die Maschine besser als ihre Frau“, sagt Riehle mit einem Zwinkern. Problematisch sei, wenn der Bediener alle 30 Minuten wechselt. Dann fühle sich niemand zuständig und Probleme würden zu spät erkannt.

Gutes Wartungs- und Obsoleszenzmanagement findet für Instandhalter zustandsorientiert statt. In der Dokumentation ist ersichtlich, welche Baustücke ausgetauscht werden müssen und welche vorhanden sind oder beschafft werden müssen. Manchmal gibt der Gesetzgeber dies vor oder Experten wie Riehle müssen auf ihre jahrelange Erfahrung zurückgreifen.

Kreativität bei der Ersatzteilbeschaffung

Wer die Maschine pflegt, merkt, wenn etwas nicht stimmt. Auch regelmäßiges Überprüfen der Geometrie beugt Defekten vor. Riehle rät in Sachen Ersatzteillogistik ab, Ersatzteile wahllos zu bunkern. Wenn mehrere gleiche Maschinen vorhanden sind, könne eine zum Ausschlachten verwendet werden. Teile zu lagern hält er für unnötig. Profis fänden immer Ersatzteile. Gefragte Komponenten würden auch wieder hergestellt.

Viele Maschinen seien ohnehin so eigen, dass ein Standardteil nicht passt. Wirklich kritisch werde es bei Steuerungstechnik. Die Beschaffung dieser Einzelteile sei aufwändig. Mit etwas Glück gebe es geprüfte Gebrauchtwaren. Diese könnten bei der Reparatur sorglos eingebaut werden.

„Bei alten Maschinen lassen sich vieles reparieren“, lautet ein anderer Tipp Riehles. Bei vielen Komponenten sind nur einzelne Teile defekt, die selbst oder bei Partnern nachproduziert werden können. Sein jüngstes Beispiel: eine Kugelrollspindel-Schleifmaschine. Auf der Innenseite löste sich der Teflon-Belag. Da keine vergleichbare Maschine verfügbar war, bauten die Techniker den kompletten Schlitten aus und beschichteten ihn neu. Gerade bei Unikaten sei weder eine Auswärtsproduktion möglich, noch kann in einer vernünftigen Zeit ein Ersatz beschafft werden. „Dann fällt ultimativ eine Reparatur an“, sagt Riehle.

Video: Obsoleszenzmanagement bei den VAG

Vor- und Nachteile alter Maschinen

Alte Maschinen weisen viele Vorteile auf: Sie sind langlebig, aufgrund ihrer Masse genau und robust. Wenn sie nicht programmiert werden müssen, sind sie für Nebenzwecke gut verwendbar. „Ältere Mitarbeiter fühlen sich damit wohler“, so der Fachmann, weil sie mit der Mechanik vertrauter sind.

Dafür sind neuere Maschinen schneller. Deren Wartung ist einfacher, weil Verschleißteile leichter ausbaubar sind. Deshalb wird dort eher ausgewechselt statt repariert. Neue Maschinen sind wiederum elektronischer, was die Lebensdauer verkürzt und die Unterhaltskosten erhöht. Dann ist zwar das Obsoleszenzmanagement kein Problem, aber wenn die Steuerungs- oder Antriebstechnik defekt ist, braucht Riehle viel Zeit, das System wieder in Gang zu setzen.

„Im Endeffekt sind alte Maschinen oft günstiger, vor allem wenn sie nicht voll ausgelastet sind“, bilanziert der Routinier. Durch ihre Langlebigkeit bieten die Oldtimer für Unternehmen hohe Planbarkeit und können gezielt aus dem Verkehr gezogen werden.

Was die Kosten für die Instandhaltung in die Höhe treibt, ist eine fehlende Dokumentation. „Es beginnt bei der Fehlersuche und zieht sich durch bis zur Ersatzteilbeschaffung“, weiß Riehle. Sind keine Ordner vorhanden, verdoppeln sich meist die Kosten, weil Fehlersuche und Ersatzteilbeschaffung aufwändiger sind. Riehles Tipp: Doppelt dokumentieren. Vorort und im Archiv. Diese Gewissenhaftigkeit sei eine geldwerte Investition.

Michael Sudahl