Resilienz

Resilienz umschreibt die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sich durch sie weiterzuentwickeltn - für Unternehmen eine unschätzbar wertvolle Eigenschaft, wie die aktuelle Entwicklung mit Naturkatastrophen, Pandemie, Lieferengpässen und Krieg zeigt. (Bild: Gorodenkoff/stock.adobe.com)

Pandemie, Naturkatastrophe, Krieg – die Krisen der frühen 20er Jahre dieses Jahrhunderts gelten bereits jetzt als Katalysator für Weg weisende gesellschaftliche und technologische Transformationsprozesse. Unternehmen beklagen in erster Linie, dass es an Erwartungs- und damit Planungssicherheit fehlt. Was ist zu tun? Dipl.-Ing. Frank Lagemann, der Vorstandsvorsitzende der GreenGate AG, erklärt die im Interview zur Rolle von Informationstechnologie als Baustein für höhere Resilienz.

Schocks und Störungen von außen sind das neue Normal. Die Resilienz-Forschung hat Hochkonjunktur. Zwei Denkrichtungen bestimmen den aktuellen Diskurs: Resilienz als Widerstandsfähigkeit und Resilienz als Anpassungsfähigkeit. Was ist der sinnvollere Ansatz?

Frank Lagemann: "Ich ziehe ein agiles ´Sowohl als auch´ dem ´Entweder oder´ vor. Unter Bounce back firmiert die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes, eine grundsätzliche Fähigkeit, Krisen abzuwehren oder in den Status quo ante zurückzuspringen. Je schneller das passiert, desto resilienter ist das System. Bounce forward meint eine strukturelle Anpassungsfähigkeit, mit der sich Störereignisse bestenfalls sogar produktiv verarbeiten lassen. Das betrifft also die Fähigkeit, sich auf lange Sicht zu behaupten und zu prosperieren. Beide Resilienz-Konzepte können sich als sehr, sehr sinnvoll erweisen."

Warum Bounce back und Bounce forward?

Lagemann: "Weil ein 100-prozentiger Universalschutz gegen alle Störungen nicht möglich ist und man zur Krisenbewältigung eine gewisse Handlungsfreiheit benötigt. Niemand kann die Zukunft exakt prognostizieren, dafür sind die Umfeldbedingungen zu komplex, die eigenen Systeme meist auch."

Wenn man der Wahrheit ins Auge blickt und anerkennt, dass kaum vorhersagbare Dynamiken das Geschehen beeinflussen, was kann man dann überhaupt tun?

Lagemann: "Das unzweifelhaft Richtige und das eigene System in die Lage versetzen, sowohl widerstands- als auch anpassungsfähiger zu werden. Unternehmen wollen ja krisenfest werden. Als Sprungbrett für eine stabilere Zukunft gilt primär eine stringente Durchdigitalisierung. Das ist keine Floskel, sondern das so ziemlich Sinnvollste, was Unternehmen zurzeit angehen können. Alles andere kann zurückstehen."

Frank Lagemann
Dipl.-Ing. Frank Lagemann, Vorstandsvorsitzender der GreenGate AG (Bild: GreenGate)

Wie kommen Sie darauf?

Lagemann: "Wir sind Anbieter von Instandhaltungssoftware und präparieren unsere Kunden mit unseren Lösungen Tag für Tag für Störungen im Betrieb, sei es in produktiven Umgebungen oder im Netzbetrieb bei Versorgern. Wir wissen aus also dem Mikrokosmos eines Unternehmens oder Versorgers, was Störungen anrichten können und wie man zumindest Basis-Funktionen beibehalten oder die volle Produktivität zeitnah zurückerhalten kann."

Was tun Sie dafür?

Lagemann: "Mit unseren Lösungen werden konkret Infrastrukturen, Maschinen und Anlagen, Betriebsmittel, Ersatzteile, Human Resources und Prozesse digitalisiert. Der digitale Schatten ist ein probates Instrument, um bei Instandhaltung und Betriebsführung produktiver zu werden und in einem rechtssicheren Raum zu agieren. Aus übergeordneter Perspektive setzen wir unterdessen genau das um, was Pioniere von IT seit über 25 Jahren erklären und was einen Organismus wie ein Unternehmen aus sich heraus schon resilienter macht."

Wie ist das im Detail zu verstehen? Die Grundzüge der Informationstechnologie sind ja nicht neu.

Lagemann: Aber sie sind aktueller denn je. Mit IT entkoppeln wir das Unternehmens-Know-how vom Kopfwissen und machen es in einem universalen Wissenspool für jeden verfügbar. Die eine Quelle der Wahrheit ist der zentrale Baustein jeder Digitalisierungsstrategie. Wir filtern und präzisieren mit unserer Software Informationen, machen sie konsistent, aktuell und für jeden nachvollziehbar. Wir bieten Planungssicherheit, weil wir Informationen unabhängig machen, sowohl vom Faktor Zeit also auch vom Ort. Unter dem Kriterium der Resilienz sind ein digitaler Schatten und ein digital organisierter Workflow also Gold wert. Der Wiederaufbau des Gasnetzes im Ahrtal bis zum Beginn der Heizperiode im Winter 2021/22 hat genau aufgezeigt, wie wichtig Resilienz durch Digitalisierung ist."

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Tatsächlich hatten nicht wenige Fachleute erwartet, dass der Bounce back, also der Wiederaufbau von 133 Kilometern Gasnetz im von der Flut getroffenen Ahrtal Jahre dauern würde und nicht nur fünf Monate. Können Sie in kurzen Worten beschreiben, was dort alles richtig gemacht wurde und inwiefern hier Resilienz durch IT zum Tragen kam?

Lagemann: "Der Schlüssel zum Erfolg war zunächst sehr grundsätzlicher Natur: die Koexistenz von digitalen und physischen Assets und Prozessen. Seit Jahren schon sind alle relevanten Informationen im Betriebsführungssystem GS-Service hinterlegt, das die Netzgesellschaft Energienetze Mittelrhein, kurz enm, fürs Management des laufenden Netzbetriebs nutzt. Das heißt, dass enm zwar machtlos war gegen die Wassermassen, die das physische Gasnetz Mitte Juli 2021 zerstörten, aber für den Wiederaufbau auf einen quasi 'unkaputtbaren' digitalen Schatten im System zurückgreifen konnte.

Lagemann: "Ja, das war die Basis aller Aktivitäten zwischen Juli und Novermber 2021. Mehr noch: Ein genialer Schachzug war angesichts des begrenzten Zeitfensters das Matchen von Informationen aus dem schon seit Jahren genutzten Betriebsführungssystem GS-Service und dem Geoinformationssystem QGIS, das die richtigen Informationen geografisch visualisierte. Denn damit konnten vor allem auch die vielen externen Monteure produktiv eingesetzt werden."

Können Sie ein Beispiel nennen?

Lagemann: "Nehmen wir den Installateur eines benachbarten Versorgers, der im Ahrtal einfach nur helfen wollte. Davon gab es Dutzende. Der beherrscht sein Fach und weiß ganz genau, wie man Gasanschlüsse außer Betrieb nimmt, Zähler und Regler aus- und wieder einbaut etc. Er hat aber keine Ahnung von den Gegebenheiten vor Ort – weder vom auch rechtlich gebotenen Workflow beim Netzbetreiber noch vom Einsatzort. Er bekam also morgens eine kurze Einweisung und dann mit seinem Einsatzpartner ein Tablet in die Hand gedrückt, in dem die Aufgabenplanung, Checklisten zum Abarbeiten und Möglichkeiten der Dokumentation hinterlegt waren. Und zwar so, dass er sauber angeleitet wurde und alles intuitiv und allein erledigen konnte. Die zurückgemeldeten Informationen wurden turnusmäßig mit dem Datenpool im Betriebsführungssystem GS-Service synchronisiert."

In diesem speziellen Fall mit einer klassischen Faltkarte, einem kaum lesbaren Aktenordner und schlechter Mobilfunkverbindung zur Einweisung loszuziehen . . .?

Lagemann: ". . . wäre fatal gewesen. Das hätte ganz sicher nicht funktioniert und um Faktoren länger gedauert. Zumal die operative Tätigkeit vor Ort nur das eine ist. Mit den zurückgespielten Informationen vom Einsatzort konnten Workforce Management und Disposition in der Zentrale exzellent arbeiten. In Dashboards ließen sich u. a. pro Bereich der Bearbeitungsfortschritt mit Kriterien wie Anzahl Aufgaben, terminiert, offen, abgearbeitet etc. anzeigen. Das war optimal für die Analyse, Planung und Koordination der Arbeiten im Feld. Nebenbei bemerkt konnte so auch die Bevölkerung über den Fortschritt auf dem Laufenden gehalten werden. Ein Riesen-Pluspunkt, denn klar ist doch auch, dass Resilienz und der Faktor Mensch gerade bei externen Schockereignissen immer zusammen betrachtet werden müssen. Für mehr Wertschöpfung durch IT, die anpassungsfähiger und profitabler macht, sorgt man im laufenden Geschäft."

Sie sind demnach der Auffassung, dass Resilienz kein Zufall ist und man sie strategisch planen und umsetzen kann?

Lagemann: "Auch wenn es eine 100-prozentige Sicherheit nie geben kann, schon weil Sicherheit nur ein Zustand ist, der per se veränderlich ist: Das ist – bezogen auf die Verfügbarkeit der genau richtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort – absolut machbar und hilft enorm. Startpunkt einer solchen Initiative ist eine digitale Inventur, wobei wir übrigens immer wieder feststellen, dass die meisten unserer Kunden in puncto Digitalisierung schon erheblich weiter fortgeschritten sind, als sie selbst zunächst annehmen."

Die Software, ihre Funktionen und Informationen halfen den Akteuren beim Wiederaufbau des Gasnetzes im Ahrtal, also bei der Wiederherstellung des Vor-Flut-Zustandes. Das ist der Bounce back. Sie selbst nannten aber IT als Grundvoraussetzung auch für den Bounce forward.

Lagemann: "Das ist richtig. Auch dazu ein Beispiel: Die Netzgesellschaft Energienetze Mittelrhein, die den Wiederaufbau des Gasnetzes im Ahrtal verantwortete und realisierte, hat ihre IT-Lösungen sehr klug für Resilienz durch Anpassungsfähigkeit genutzt und damit diese Mammut-Aufgabe ordentlich gepusht. Viele Jahre lang hat enm sein Tagesgeschäft – Einsatzplanung, Instandhaltung und Dokumentation der Instandhaltungs-, Reparatur- und Wartungsarbeiten – auf Basis der Softwarelösung GS-Service gemanagt, hierarchisch im Objektbaum strukturiert nach Gemeinde, Straße und Hausnummer. Da das aber für den unkontrollierten Wassereinbruch durch die Flut zu statisch war, entschied sich enm für die Karten-Option im GIS und bestückte die Karte mit den relevanten Informationen aus dem Betriebsführungssystem GS-Service. Das ist kluge Flexibilität, die anpassungsfähig und damit ein Stück weit resilienter macht."

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