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Interview

Intelligentes Instandhaltungsmanagement

am 20.10.2017 um 12:19 Uhr

Digitalisierung, Internet of Things, Industrie 4.0 sind Schlagworte, an denen kein produzierendes Unternehmen mehr vorbeikommt. Dabei wird oft verkannt, dass der konsequente Weg zur Industrie 4.0 bedeutet, alle damit verbundenen Prozesse zu digitalisieren. Auch und insbesondere, wenn es um ein effizientes, transparentes und strukturiertes Instandhaltungsmanagement geht.

Dr. Tim Busse, Gründer und Geschäftsführer der WERKBLiQ.de, der ersten herstellerunabhängigen Plattform für intelligente und digitalisierte Instandhaltungsprozesse. - Bild: WERKBLiQ

Dr. Tim Busse, Gründer und Geschäftsführer der WERKBLiQ.de, der ersten herstellerunabhängigen Plattform für intelligente und digitalisierte Instandhaltungsprozesse. – Bild: WERKBLiQ

Wie ist der Status quo in den Unternehmen heute, wohin geht die zukünftige Entwicklung?
Antworten auf aktuelle Fragen geben Dipl.-Ing. Markus Obdenbusch, Oberingenieur Steuerungstechnik und Automatisierung, Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen, Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen, und Dr. Tim Busse, Gründer und Geschäftsführer der WERKBLiQ.de, der ersten herstellerunabhängigen Plattform für intelligente und digitalisierte Instandhaltungsprozesse.

Herr Obdenbusch, Sie haben in einer Marktanalyse Unternehmen nach deren Erwartungen an ein digitalisiertes Instandhaltungsmanagement befragt. Was sind die wesentlichen Vorteile, die sich Unternehmen von einer Instandhaltungsplattform erwarten?
Obdenbusch: In Zeiten zunehmender Digitalisierung und Vernetzung stellen Plattformkonzepte eine neue Form der Informations-, Wissens- und Dienstleistungsverfügbarkeit dar. Der “X-as-a-Service” Gedanke kann vielfältig umgesetzt werden und neue Geschäftsmodelle wie “Pay-per-Use” oder allgemein der Vorteil der Zentralisierung von Ressourcen versprechen vielfältige Potenziale. Diese kommen insbesonders KMU zugute. Dabei werden von den befragten Unternehmen unterschiedliche Potenziale hervorgehoben. Manche – insbesondere kleine – Unternehmen möchten eine zentrale Wissensdatenbank aufbauen und dabei durchaus Erfahrungen mit anderen Unternehmen teilen. Das kann bis zu einem “Google für die Instandhaltung” gedacht werden. Andere Unternehmen sehen für sich Vorteile darin, ein Netzwerk guter Servicetechniker aufzubauen und zu nutzen oder die Wartungsorganisation durch externe Planung zu strukturieren.

Herr Busse, was gab für Sie den entscheidenden Impuls, die WERKBLiQ-Plattform zu gründen?
Der Maschinenbau in Deutschland steht vor einem Aufbruch, der alle Marktteilnehmer und Partner betreffen wird. Prozesse werden zunehmend digitalisiert ablaufen – ganz anders, als sich das Instandhaltungsmanagement von Maschinen in den allermeisten Unternehmen derzeit darstellt. Die heutigen Strukturen sind wenig effizient, bringen oftmals Reibungsverluste mit sich und erschweren die Dokumentation. Die Zeit ist reif, die Instandhaltung zu digitalisieren. WERKBLiQ.de bietet die Voraussetzung dafür: Der durchgehende Prozess optimiert und vereinfacht den gesamten Kommunikations- und Informationsfluss zwischen allen Beteiligten. Da Maschinenbetreiber und Serviceanbieter auf einer gemeinsamen Plattform zusammenfinden, lassen sich Serviceaufträge deutlich schneller und einfacher beauftragen, steuern und dokumentieren. Ebenso wird das gesamte Ersatzteilmanagement effizient und transparent abgewickelt.

Welche Chancen ergeben sich aus Ihrer Sicht für Maschinenbetreiber aus einer intelligenten Instandhaltung? Und was verstehen Sie unter “Service mit iQ”?
Busse: Unabdingbare Voraussetzung für die Industrie 4.0 sind intelligente, automatisierte und digitalisierte Prozesse. Mit unserer Plattform bringen wir Effizienz und Intelligenz in das Instandhaltungsmanagement. Einfach zu beherrschen, einfach in jedes Unternehmen zu implementieren, mit direkter Wirkung und schnell sichtbaren Erfolgen. Ein entscheidender Mehrwert für alle Beteiligten ist zudem die Vernetzung untereinander – für eine schnellere Kommunikation ohne Medienbruch. Das verstehen wir unter “iQ”.

Maschinenbetreiber profitieren von einer permanenten Kosten- und Datentransparenz,
Tim Busse, WERKBLiQ.de

Und welche Vorteile bringt die Plattform konkret dem Maschinenbetreiber und dem Servicepartner?
Busse: Für den Maschinenbetreiber bedeutet der Einstieg auf die Plattform eine wesentliche Vereinfachung und Optimierung von Instandhaltung und Dokumentation! Die optimale Instandhaltung und Wartung ist von großer Bedeutung, um die Leistungsfähigkeit sicherzustellen und Ausfälle zu minimieren. Maschinenbetreiber profitieren von einer permanenten Kosten- und Datentransparenz und überblicken alle Instandhaltungs- und Wartungsarbeiten ihrer Maschinen direkt auf der WERKBLiQ-Plattform. Wesentlich vereinfacht wird zudem die Kommunikation und die Beauftragung externer Partner oder unternehmensinterner Dienstleister. Der Servicepartner wiederum profitiert ebenfalls von zahlreichen Mehrwerten, zuerst zu nennen sind die wesentliche Vereinfachung der Verwaltung von Serviceaufträgen und somit mehr Effizienz! Unsere digitale Plattform optimiert und beschleunigt den gesamten Auftragsprozess. Serviceunternehmen können sich endlich wieder auf ihre eigentliche Kernkompetenz konzentrieren und den gesamten Verwaltungsaufwand auf ein Minimum reduzieren. Serviceanfragen lassen sich mit nur einem Klick beantworten. Noch vor Ort beim Kunden dokumentiert der Servicetechniker geleistete Instandhaltungsarbeiten und Verbrauchsgüter auf einem mobilen Endgerät. Der gesamte Verwaltungsprozess von der Speicherung der Auftragsdokumentation bis zur abschließenden Abrechnung kann über WERKBLiQ erfolgen, sodass wertvolle Arbeitszeit eingespart wird.

Dipl.-Ing. Markus Obdenbusch, Oberingenieur Steuerungstechnik und Automatisierung, Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen, Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen. - Bild WZL Aachen

Markus Obdenbusch, Oberingenieur Steuerungstechnik und Automatisierung, Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen, Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen. – Bild WZL Aachen

Wie wird sich aus Ihrer Sicht das Instandhaltungsmanagement unter Aspekten wie Digitalisierung und Industrie 4.0 verändern?
Obdenbusch: Meines Erachtens werden wir in unterschiedlichen Bereichen eine Veränderung feststellen. So wird der Betreiber zukünftig eine völlig neue Form der Interaktion mit einem Servicetechniker finden. Das fängt bei einer digitalen Unterstützung im Bereich “Remote Service” – zukünftig vielleicht erweitert um mobile Endgeräte – an. Visionärer betrachtet, lädt man nur noch sein Problem und eine Beschreibung auf eine Plattform hoch. Der Auftrag kann durch in der Nähe befindliche Techniker mit entsprechender Expertise angenommen werden. Vielleicht kann man sogar noch einen Schritt weitergehen. Die Maschine ist zukünftig digital vernetzt. Dadurch kann eine zentrale Plattform jederzeit den Zustand und eine mögliche Wartungsindikation feststellen. Dies entlastet das lokale Instandhaltungsmanagement erheblich. Nicht zuletzt werden wir völlig neue Mitbewerber im Markt des Maschinen- und Anlagenbaus wahrnehmen. Schon jetzt nutzen Unternehmen aus dem Bereich der Data Analytics ihre Expertise, um mit völlig neuen Methoden (vermeintliche) Erkenntnisse in der Produktionstechnik zu gewinnen. Aus dem Blickwinkel der Forschung haben wir jedoch festgestellt, dass neben den reinen Analytics-Methoden umfangreiches Modellwissen notwendig ist, um die richtigen Kausalzusammenhänge aufzudecken; allerdings sollte man die aktuellen Entwicklungen im Auge behalten.

Welche Risiken ergeben sich für Unternehmen aus der jetzigen Archivierung von Dokumenten / Verwaltung von Informationen in rein “händischer” Form? Sind sich Unternehmer dieser Risiken bewusst?
Obdenbusch: Unter den besuchten Unternehmen haben wir grundsätzlich unterschiedliche Formen der Informationsablage vorgefunden. Vielfach wird nach wie vor auf die langjährige Expertise der Mitarbeiter gesetzt. Hier haben wir aber stets das Problem des altersbedingten oder anderweitigen Ausscheidens. Andere Unternehmen führen eine papierbasierte Form der Informationsarchivierung. Letztgenannte Vorgehensweise ist grundsätzlich in Ordnung, allerdings wenig systematisch. Ein zentraler Aspekt von Industrie 4.0 ist die Digitalisierung. Wir benötigen Sie, um Wissen semantisch annotiert und strukturiert abzulegen. Semantisch annotiert heißt, dass im Endeffekt auch keine PDF oder Excel-Datei hilft, da diese nicht durch übergeordnete Systeme entsprechend genutzt werden können, um auf Suchanfragen – ähnlich Google – zu reagieren. Vielfach ist den Unternehmen dieser Umstand bewusst, allerdings haben sie bislang keine Möglichkeit gefunden, effizient den neuen Nutzen “ohne Mehraufwand” zu heben. An dieser Stelle kann WERKBLiQ natürlich sehr gut unterstützen. Wissen kann strukturiert und zentral verfügbar abgelegt werden. Innovative Mensch-Technik-Schnittstellen, wie wir sie aktuell am WZL der RWTH Aachen entwickeln, können hier zusätzlich die Barriere senken.

Welche Services und Dienstleistungen erwarten Unternehmen vor allem von einer Instandhaltungsplattform?
Obdenbusch: Besondere Vorteile werden in der Vermittlung von Servicetechnikern gesehen. Der Kontakt kann lokal hergestellt werden, wodurch die Anreisekosten minimiert werden. Auch die Reaktionszeiten für eine Serviceanfrage werden sich zukünftig signifikant verbessern. Den zweiten Schwerpunkt bildet das Wissensmanagement.

Warum hinkt nach Ihrer Einschätzung das Instandhaltungsmanagement vielen anderen Prozessen bei der Digitalisierung / Automatisierung von Prozessen hinterher?
Obdenbusch: Das Themenfeld Instandhaltungsmanagement beschäftigt uns quasi seit Beginn des Maschinenbaus bzw. -betriebs. Nichtsdestotrotz ist es sowohl forschungsseitig – z. B. in Form des Condition Monitorings – als auch industriell nach wie vor nicht flächendeckend gelöst und damit hoch relevant. Dies liegt zum einen darin begründet, dass der zeitliche Verschleiß in einem hochkomplexen System wie der Werkzeugmaschine schwer in Modelle zu überführen ist. So müssen über einen langen Zeitraum Daten erfasst werden, um den kompletten Lebenszyklus einer Komponente zu beschreiben. Gleichzeitig finden wir jedoch so viele externe (Stör-)Einflüsse wie etwa den Bearbeitungsprozess selbst vor, dass eine Prognose der Restgebrauchsdauer kaum möglich ist. Wir beschäftigen uns am WZL etwa aktuell damit, gute Schätzungen des aktuellen Zustands als Kombination aus analytischen und ‚gelernten‘ Modellen zu erzeugen. Die Prognose – also zeitliche Korrelation – stellt den nächsten Schritt dar. Neben der Digitalisierung ist ein weiterer wesentlicher Schwerpunkt von Industrie 4.0 die Vernetzung. Diesem Aspekt stehen viele Unternehmen aktuell jedoch noch sehr kritisch gegenüber. Welche Daten werden geteilt? Wer besitzt die Daten? Sind meine Daten sicher? Dies sind nur einige Fragen, welche die Firmen beschäftigen. Häufig können diese nur mittelbar selbst entscheiden, welcher Datenpolitik sie folgen. Vielmehr geben die Kunden bereits vor, ob und in welcher Form eine Vernetzung stattfinden darf.

Herr Busse, was unternehmen Sie, ob diesem berechtigten Anspruch nach Datensicherheit gerecht zu werden?
Busse: Sicherheit ist für unser Geschäftsmodell von elementarer Bedeutung. Daher verwenden wir die aktuellsten Verschlüsselungstechnologien, wie beispielsweise das SSL-Protokoll. Unternehmensbezogene Daten werden zu jeder Zeit sicher übertragen und jede Session wird über sogenannte Session-IDs (sogenannte Security-Tokens) personenbezogen abgesichert. Nutzerpasswörter sind zu jeder Zeit verschlüsselt abgelegt. Wir betreiben die Applikationen in der Microsoft Azure Cloud, die in Deutschland durch T-Systems und die Deutsche Bundesdruckerei betrieben werden. Entscheidend für diese Wahl waren die hohen Sicherheitsstandards und die Compliance-Standards. Dies wird durch bereits existierende Audits abgedeckt (beinhaltet ISO 27001/18 und SSAE16/ISAE 3402).

Der Return on invest ist für Entscheider stets ein maßgeblicher Faktor. Inwieweit kann ein digitalisiertes Instandhaltungsmanagement zu Kosten- und somit Erlösverbesserungen beitragen?
Obdenbusch: Mit dem Return on invest bewertet ein Entscheider in erster Linie, nach welcher Zeit sich eine Investition amortisiert hat. Daher muss man eigentlich zunächst identifizieren, welche Kosten sich aus einem nicht-digitalisierten bzw. gar keinem Instandhaltungsmanagement ergeben. Einerseits sind dies mit Sicherheit indirekte Kosten, welche erst durch einen nicht vermiedenen Ausfall entstehen. Andererseits gibt es auch direkte Kosten, die zum Beispiel mit dem Betreiben einer Instandhaltungsabteilung einhergehen. Natürlich lassen sich durch ein digitalisiertes und im Sinne von WERKBLiQ zentralisiertes Instandhaltungsmanagement die Aufwände auf Unternehmensseite signifikant reduzieren. Wenn man nun davon ausgeht, dass dadurch auch direkt die technische Verfügbarkeit der Maschinen und Anlagen steigt, wirkt sich das wiederum positiv auf die Produktivität und damit den Erlös aus.

Steigende Verfügbarkeit der Maschinen und Anlagen wirkt sich positiv auf die Produktivität und damit den Erlös aus.
Markus Oldenbusch, WZL der RWTH Aachen

“Heute ist Instandhaltung für viele Unternehmer ein reiner Kostenfaktor. In Zukunft muss Instandhaltung zum Wertschöpfungsfaktor werden.” Wie würden Sie diese Aussage bewerten bzw. wie würden Sie den zukünftigen Stellenwert des Instandhaltungsmanagements für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher/europäischer Unternehmen einschätzen?
Busse: Leider findet man über alle Branchen und Unternehmensgrößen hinweg diese Meinung. Mir sind zahlreiche – auch namhafte Großunternehmen – bekannt, welche letztendlich nach der „Feuerwehrstrategie“ verfahren, also reaktiv im Fehlerfall handeln. Ich denke jedoch, dass dies zukünftig nicht mehr umsetzbar ist. Wir agieren in Deutschland als Hochlohnstandort in vielen fertigenden Unternehmen am Rande der Wirtschaftlichkeit. Große Produktionsausfälle sind hier nicht einkalkuliert. Es muss ein Umdenken hin zu einer größeren Sensibilität bezüglich eines intelligenten Instandhaltungsmanagements stattfinden. Letzthin können wir die weltweit starke Position des deutschen Maschinenbaus nur dann in Zukunft sichern, wenn alle Beteiligte gemeinsam in eine Richtung steuern. Genau darauf zielt WERKBLiQ.de ab: Eine engere Vernetzung aller Marktbeteiligten zu erreichen – kein Gegen-, sondern ein konstruktives und wertsteigerndes Miteinander.

Wie würden Sie den zukünftigen Stellenwert des Instandhaltungsmanagements für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher und europäischer Unternehmen einschätzen?
Busse: Ich denke, dass dies zukünftig nicht mehr umsetzbar ist. Es muss ein Umdenken hin zu einer größeren Sensibilität bezüglich eines intelligenten Instandhaltungsmanagements stattfinden. Darauf zielt WERKBLiQ.de ab: Eine engere Vernetzung aller Marktbeteiligten zu erreichen – kein Gegen-, sondern ein konstruktives und wertsteigerndes Miteinander.

Wie lauten aus Ihren Unternehmensinterviews die wesentlichen Erkenntnisse bezüglich des Instandhaltungsmanagement-Prozesses?
Obdenbusch: Die Instandhaltungsorganisation in deutschen KMU, primär bei Lohnfertigern, ist weit von digitalisierten Prozessen, wie sie in Industrie 4.0 proklamiert werden, entfernt. WERKBLiQ stellt einen Ansatz dar, Wissen zu aggregieren und zu zentralisieren. Zudem herrscht bei allen besuchten Unternehmen ein großes Datenbewusstsein. Bei vielen überwiegt zwar der aufgezeigte Nutzen die potenziellen Gefahren, allerdings sollte gründliche Arbeit geleistet werden, das Vertrauen der Kunden bzgl. Datensicherheit zu gewinnen. Dabei kann jedoch schon ein Ansatz darin bestehen, die Daten anonymisiert weiterzugeben. Weiter möchten gerade kleine KMU gerne ihr lokales Netzwerk erweitern. Dies umfasst sowohl das Teilen von guten Servicetechnikern oder Teilelieferanten bis hin zum Erfahrungsaustausch bezüglich angebotener Technologien. So werden Plattformen wie WERKBLiQ den Serviceprozess signifikant verbessern. Durch direkte Ansprechpartner und verknüpfte Dienste können Problembeschreibungen effizienter durchgeführt und Techniker direkter eingebunden werden. Die Möglichkeit zur Bewertung von Dienstleistungen und Kommentaren runden das Spektrum ab. Viele KMU haben grundsätzlich die Expertise zum Durchführen kleinerer Tätigkeiten an Werkzeugmaschinen. Wenn das Angebot von WERKBLiQ zukünftig auch technische Dokumentationen oder eine Bibliothek an häufig wiederkehrenden Fehlern mit entsprechenden Lösungsanleitungen beinhaltet, könnte die Vision “Hilfe zur Selbsthilfe” realisiert werden. md

nstandhaltung“ gedacht werden. Andere Unternehmen sehen für sich Vorteile darin, ein Netzwerk guter Servicetechniker aufzubauen und zu nutzen oder die Wartungsorganisation durch externe Planung zu strukturieren.

Herr Busse, was gab für Sie den entscheidenden Impuls, die WERKBLiQ-Plattform zu gründen?
Der Maschinenbau in Deutschland steht vor einem Aufbruch, der alle Marktteilnehmer und Partner betreffen wird. Prozesse werden zunehmend digitalisiert ablaufen – ganz anders, als sich das Instandhaltungsmanagement von Maschinen in den allermeisten Unternehmen derzeit darstellt. Die heutigen Strukturen sind wenig effizient, bringen oftmals Reibungsverluste mit sich und erschweren die Dokumentation. Die Zeit ist reif, die Instandhaltung zu digitalisieren. WERKBLiQ.de bietet die Voraussetzung dafür: Der durchgehende Prozess optimiert und vereinfacht den gesamten Kommunikations- und Informationsfluss zwischen allen Beteiligten. Da Maschinenbetreiber und Serviceanbieter auf einer gemeinsamen Plattform zusammenfinden, lassen sich Serviceaufträge deutlich schneller und einfacher beauftragen, steuern und dokumentieren. Ebenso wird das gesamte Ersatzteilmanagement effizient und transparent abgewickelt.

Welche Chancen ergeben sich aus Ihrer Sicht für Maschinenbetreiber aus einer intelligenten Instandhaltung? Und was verstehen Sie unter “Service mit iQ”?
Busse: Unabdingbare Voraussetzung für die Industrie 4.0 sind intelligente, automatisierte und digitalisierte Prozesse. Mit unserer Plattform bringen wir Effizienz und Intelligenz in das Instandhaltungsmanagement. Einfach zu beherrschen, einfach in jedes Unternehmen zu implementieren, mit direkter Wirkung und schnell sichtbaren Erfolgen. Ein entscheidender Mehrwert für alle Beteiligten ist zudem die Vernetzung untereinander – für eine schnellere Kommunikation ohne Medienbruch. Das verstehen wir unter “iQ”.

Maschinenbetreiber profitieren von einer permanenten Kosten- und Datentransparenz.
Tim Busse, WERKBLiQ.de

Und welche Vorteile bringt die Plattform konkret dem Maschinenbetreiber und dem Servicepartner?
Busse: Für den Maschinenbetreiber bedeutet der Einstieg auf die Plattform eine wesentliche Vereinfachung und Optimierung von Instandhaltung und Dokumentation! Die optimale Instandhaltung und Wartung ist von großer Bedeutung, um die Leistungsfähigkeit sicherzustellen und Ausfälle zu minimieren. Maschinenbetreiber profitieren von einer permanenten Kosten- und Datentransparenz und überblicken alle Instandhaltungs- und Wartungsarbeiten ihrer Maschinen direkt auf der WERKBLiQ-Plattform. Wesentlich vereinfacht wird zudem die Kommunikation und die Beauftragung externer Partner oder unternehmensinterner Dienstleister. Der Servicepartner wiederum profitiert ebenfalls von zahlreichen Mehrwerten, zuerst zu nennen sind die wesentliche Vereinfachung der Verwaltung von Serviceaufträgen und somit mehr Effizienz! Unsere digitale Plattform optimiert und beschleunigt den gesamten Auftragsprozess. Serviceunternehmen können sich endlich wieder auf ihre eigentliche Kernkompetenz konzentrieren und den gesamten Verwaltungsaufwand auf ein Minimum reduzieren. Serviceanfragen lassen sich mit nur einem Klick beantworten. Noch vor Ort beim Kunden dokumentiert der Servicetechniker geleistete Instandhaltungsarbeiten und Verbrauchsgüter auf einem mobilen Endgerät. Der gesamte Verwaltungsprozess von der Speicherung der Auftragsdokumentation bis zur abschließenden Abrechnung kann über WERKBLiQ erfolgen, sodass wertvolle Arbeitszeit eingespart wird.

Dipl.-Ing. Markus Obdenbusch, Oberingenieur Steuerungstechnik und Automatisierung, Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen, Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen. - Bild WZL Aachen

Markus Obdenbusch, Oberingenieur Steuerungstechnik und Automatisierung, Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen, Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen. – Bild WZL Aachen

Wie wird sich aus Ihrer Sicht das Instandhaltungsmanagement unter Aspekten wie Digitalisierung und Industrie 4.0 verändern?
Obdenbusch: Meines Erachtens werden wir in unterschiedlichen Bereichen eine Veränderung feststellen. So wird der Betreiber zukünftig eine völlig neue Form der Interaktion mit einem Servicetechniker finden. Das fängt bei einer digitalen Unterstützung im Bereich “Remote Service” – zukünftig vielleicht erweitert um mobile Endgeräte – an. Visionärer betrachtet, lädt man nur noch sein Problem und eine Beschreibung auf eine Plattform hoch. Der Auftrag kann durch in der Nähe befindliche Techniker mit entsprechender Expertise angenommen werden. Vielleicht kann man sogar noch einen Schritt weitergehen. Die Maschine ist zukünftig digital vernetzt. Dadurch kann eine zentrale Plattform jederzeit den Zustand und eine mögliche Wartungsindikation feststellen. Dies entlastet das lokale Instandhaltungsmanagement erheblich. Nicht zuletzt werden wir völlig neue Mitbewerber im Markt des Maschinen- und Anlagenbaus wahrnehmen. Schon jetzt nutzen Unternehmen aus dem Bereich der Data Analytics ihre Expertise, um mit völlig neuen Methoden (vermeintliche) Erkenntnisse in der Produktionstechnik zu gewinnen. Aus dem Blickwinkel der Forschung haben wir jedoch festgestellt, dass neben den reinen Analytics-Methoden umfangreiches Modellwissen notwendig ist, um die richtigen Kausalzusammenhänge aufzudecken; allerdings sollte man die aktuellen Entwicklungen im Auge behalten.

Welche Risiken ergeben sich für Unternehmen aus der jetzigen Archivierung von Dokumenten / Verwaltung von Informationen in rein “händischer” Form? Sind sich Unternehmer dieser Risiken bewusst?
Obdenbusch: Unter den besuchten Unternehmen haben wir grundsätzlich unterschiedliche Formen der Informationsablage vorgefunden. Vielfach wird nach wie vor auf die langjährige Expertise der Mitarbeiter gesetzt. Hier haben wir aber stets das Problem des altersbedingten oder anderweitigen Ausscheidens. Andere Unternehmen führen eine papierbasierte Form der Informationsarchivierung. Letztgenannte Vorgehensweise ist grundsätzlich in Ordnung, allerdings wenig systematisch. Ein zentraler Aspekt von Industrie 4.0 ist die Digitalisierung. Wir benötigen Sie, um Wissen semantisch annotiert und strukturiert abzulegen. Semantisch annotiert heißt, dass im Endeffekt auch keine PDF oder Excel-Datei hilft, da diese nicht durch übergeordnete Systeme entsprechend genutzt werden können, um auf Suchanfragen – ähnlich Google – zu reagieren. Vielfach ist den Unternehmen dieser Umstand bewusst, allerdings haben sie bislang keine Möglichkeit gefunden, effizient den neuen Nutzen “ohne Mehraufwand” zu heben. An dieser Stelle kann WERKBLiQ natürlich sehr gut unterstützen. Wissen kann strukturiert und zentral verfügbar abgelegt werden. Innovative Mensch-Technik-Schnittstellen, wie wir sie aktuell am WZL der RWTH Aachen entwickeln, können hier zusätzlich die Barriere senken.

Welche Services und Dienstleistungen erwarten Unternehmen vor allem von einer Instandhaltungsplattform?
Obdenbusch: Besondere Vorteile werden in der Vermittlung von Servicetechnikern gesehen. Der Kontakt kann lokal hergestellt werden, wodurch die Anreisekosten minimiert werden. Auch die Reaktionszeiten für eine Serviceanfrage werden sich zukünftig signifikant verbessern. Den zweiten Schwerpunkt bildet das Wissensmanagement.

Warum hinkt nach Ihrer Einschätzung das Instandhaltungsmanagement vielen anderen Prozessen bei der Digitalisierung / Automatisierung von Prozessen hinterher?
Obdenbusch: Das Themenfeld Instandhaltungsmanagement beschäftigt uns quasi seit Beginn des Maschinenbaus bzw. -betriebs. Nichtsdestotrotz ist es sowohl forschungsseitig – z. B. in Form des Condition Monitorings – als auch industriell nach wie vor nicht flächendeckend gelöst und damit hoch relevant. Dies liegt zum einen darin begründet, dass der zeitliche Verschleiß in einem hochkomplexen System wie der Werkzeugmaschine schwer in Modelle zu überführen ist. So müssen über einen langen Zeitraum Daten erfasst werden, um den kompletten Lebenszyklus einer Komponente zu beschreiben. Gleichzeitig finden wir jedoch so viele externe (Stör-)Einflüsse wie etwa den Bearbeitungsprozess selbst vor, dass eine Prognose der Restgebrauchsdauer kaum möglich ist. Wir beschäftigen uns am WZL etwa aktuell damit, gute Schätzungen des aktuellen Zustands als Kombination aus analytischen und ‚gelernten‘ Modellen zu erzeugen. Die Prognose – also zeitliche Korrelation – stellt den nächsten Schritt dar. Neben der Digitalisierung ist ein weiterer wesentlicher Schwerpunkt von Industrie 4.0 die Vernetzung. Diesem Aspekt stehen viele Unternehmen aktuell jedoch noch sehr kritisch gegenüber. Welche Daten werden geteilt? Wer besitzt die Daten? Sind meine Daten sicher? Dies sind nur einige Fragen, welche die Firmen beschäftigen. Häufig können diese nur mittelbar selbst entscheiden, welcher Datenpolitik sie folgen. Vielmehr geben die Kunden bereits vor, ob und in welcher Form eine Vernetzung stattfinden darf.

Herr Busse, was unternehmen Sie, ob diesem berechtigten Anspruch nach Datensicherheit gerecht zu werden?
Busse: Sicherheit ist für unser Geschäftsmodell von elementarer Bedeutung. Daher verwenden wir die aktuellsten Verschlüsselungstechnologien, wie beispielsweise das SSL-Protokoll. Unternehmensbezogene Daten werden zu jeder Zeit sicher übertragen und jede Session wird über sogenannte Session-IDs (sogenannte Security-Tokens) personenbezogen abgesichert. Nutzerpasswörter sind zu jeder Zeit verschlüsselt abgelegt. Wir betreiben die Applikationen in der Microsoft Azure Cloud, die in Deutschland durch T-Systems und die Deutsche Bundesdruckerei betrieben werden. Entscheidend für diese Wahl waren die hohen Sicherheitsstandards und die Compliance-Standards. Dies wird durch bereits existierende Audits abgedeckt (beinhaltet ISO 27001/18 und SSAE16/ISAE 3402).

Der Return on invest ist für Entscheider stets ein maßgeblicher Faktor. Inwieweit kann ein digitalisiertes Instandhaltungsmanagement zu Kosten- und somit Erlösverbesserungen beitragen?
Obdenbusch: Mit dem Return on invest bewertet ein Entscheider in erster Linie, nach welcher Zeit sich eine Investition amortisiert hat. Daher muss man eigentlich zunächst identifizieren, welche Kosten sich aus einem nicht-digitalisierten bzw. gar keinem Instandhaltungsmanagement ergeben. Einerseits sind dies mit Sicherheit indirekte Kosten, welche erst durch einen nicht vermiedenen Ausfall entstehen. Andererseits gibt es auch direkte Kosten, die zum Beispiel mit dem Betreiben einer Instandhaltungsabteilung einhergehen. Natürlich lassen sich durch ein digitalisiertes und im Sinne von WERKBLiQ zentralisiertes Instandhaltungsmanagement die Aufwände auf Unternehmensseite signifikant reduzieren. Wenn man nun davon ausgeht, dass dadurch auch direkt die technische Verfügbarkeit der Maschinen und Anlagen steigt, wirkt sich das wiederum positiv auf die Produktivität und damit den Erlös aus.

Steigende Verfügbarkeit der Maschinen und Anlagen wirkt sich positiv auf die Produktivität und damit den Erlös aus.
Markus Oldenbusch, WZL der RWTH Aachen

“Heute ist Instandhaltung für viele Unternehmer ein reiner Kostenfaktor. In Zukunft muss Instandhaltung zum Wertschöpfungsfaktor werden.” Wie würden Sie diese Aussage bewerten bzw. wie würden Sie den zukünftigen Stellenwert des Instandhaltungsmanagements für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher/europäischer Unternehmen einschätzen?
Busse: Leider findet man über alle Branchen und Unternehmensgrößen hinweg diese Meinung. Mir sind zahlreiche – auch namhafte Großunternehmen – bekannt, welche letztendlich nach der „Feuerwehrstrategie“ verfahren, also reaktiv im Fehlerfall handeln. Ich denke jedoch, dass dies zukünftig nicht mehr umsetzbar ist. Wir agieren in Deutschland als Hochlohnstandort in vielen fertigenden Unternehmen am Rande der Wirtschaftlichkeit. Große Produktionsausfälle sind hier nicht einkalkuliert. Es muss ein Umdenken hin zu einer größeren Sensibilität bezüglich eines intelligenten Instandhaltungsmanagements stattfinden. Letzthin können wir die weltweit starke Position des deutschen Maschinenbaus nur dann in Zukunft sichern, wenn alle Beteiligte gemeinsam in eine Richtung steuern. Genau darauf zielt WERKBLiQ.de ab: Eine engere Vernetzung aller Marktbeteiligten zu erreichen – kein Gegen-, sondern ein konstruktives und wertsteigerndes Miteinander.

Wie würden Sie den zukünftigen Stellenwert des Instandhaltungsmanagements für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher und europäischer Unternehmen einschätzen?
Busse: Ich denke, dass dies zukünftig nicht mehr umsetzbar ist. Es muss ein Umdenken hin zu einer größeren Sensibilität bezüglich eines intelligenten Instandhaltungsmanagements stattfinden. Darauf zielt WERKBLiQ.de ab: Eine engere Vernetzung aller Marktbeteiligten zu erreichen – kein Gegen-, sondern ein konstruktives und wertsteigerndes Miteinander.

Wie lauten aus Ihren Unternehmensinterviews die wesentlichen Erkenntnisse bezüglich des Instandhaltungsmanagement-Prozesses?
Obdenbusch: Die Instandhaltungsorganisation in deutschen KMU, primär bei Lohnfertigern, ist weit von digitalisierten Prozessen, wie sie in Industrie 4.0 proklamiert werden, entfernt. WERKBLiQ stellt einen Ansatz dar, Wissen zu aggregieren und zu zentralisieren. Zudem herrscht bei allen besuchten Unternehmen ein großes Datenbewusstsein. Bei vielen überwiegt zwar der aufgezeigte Nutzen die potenziellen Gefahren, allerdings sollte gründliche Arbeit geleistet werden, das Vertrauen der Kunden bzgl. Datensicherheit zu gewinnen. Dabei kann jedoch schon ein Ansatz darin bestehen, die Daten anonymisiert weiterzugeben. Weiter möchten gerade kleine KMU gerne ihr lokales Netzwerk erweitern. Dies umfasst sowohl das Teilen von guten Servicetechnikern oder Teilelieferanten bis hin zum Erfahrungsaustausch bezüglich angebotener Technologien. So werden Plattformen wie WERKBLiQ den Serviceprozess signifikant verbessern. Durch direkte Ansprechpartner und verknüpfte Dienste können Problembeschreibungen effizienter durchgeführt und Techniker direkter eingebunden werden. Die Möglichkeit zur Bewertung von Dienstleistungen und Kommentaren runden das Spektrum ab. Viele KMU haben grundsätzlich die Expertise zum Durchführen kleinerer Tätigkeiten an Werkzeugmaschinen. Wenn das Angebot von WERKBLiQ zukünftig auch technische Dokumentationen oder eine Bibliothek an häufig wiederkehrenden Fehlern mit entsprechenden Lösungsanleitungen beinhaltet, könnte die Vision “Hilfe zur Selbsthilfe” realisiert werden. md

 
 
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