Bei der MIBRAG, der Mitteldeutschen Braunkohlegesellschaft, wurden Tablets eingeführt, um die Instandhaltung effektiver und schneller zu machen.

Bei der MIBRAG, der Mitteldeutschen Braunkohlegesellschaft, wurden Tablets eingeführt, um die Instandhaltung effektiver und schneller zu machen. - Bild: MIBRAG

Die Tagebaue Profen und Vereinigtes Schleenhain fördern jährlich mit 18 Millionen Tonnen über zehn Prozent der in Deutschland gewonnenen Rohbraunkohle. Sie beliefern damit vor allem zwei Großkraftwerke in der Umgebung und zwei eigenen Kraftwerke. Diese produzieren flexibel Energie, Fernwärme und Prozessdampf für Millionen Haushalte sowie zahlreiche Industrieunternehmen im Länderdreieck Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Unter anderem werden 60 Prozent des Fernwärmebedarfs von Leipzig abgedeckt.

Insgesamt verfügen die Betriebe über 189 Anlagen in zwei Tagebauen, von Schaufelradbaggern bis zu mobilen Beladungssystemen, und über 88 Kilometer eigene Gleise. Wartungspläne für 8.190 Anlagen und Anlagenteile und 47 Kohlewagen verdeutlichen die Dimension des Instandhaltungsmanagements.

Alle Prozesse auf dem Tablet

Ende 2019 werden sämtliche 200 Mitarbeiter des Bereiches mit einem Tablet ausgerüstet sein. Sie erhalten Zugriff auf eine Applikation -lauffähig unter der Windows PC-Version und auf Android-Tablets, die den gesamten Prozess der Instandhaltung abbildet: von der Bearbeitung von Checklisten, über die Mängelerfassung inklusive Fotodokumentation, die Priorisierung der Reparaturmaßnahmen einschließlich der Auftragsdispositionen und der Steuerung der Ersatzteilebeschaffung.

"Es lassen sich auf administrativer und Planungsebene Prozesse rechtssicher dokumentieren, intelligente Auswertungen per Mausklick generieren und Kostentreiber, etwa anhand von Wartungs- und Ausfallhistorien, detektieren", so Erik Loth, Leiter Arbeitsvorbereitung und Projektleiter mobile Instandhaltung bei MIBRAG. Auf Arbeitsebene werden Technikern die Mühen der traditionellen, nicht-digitalisierten Instandhaltung erspart: Handbücher wälzen, Formulare ausfüllen, Daten für Papierdokumentationen eingeben oder Ersatzteilen hinterher telefonieren.

Klare Informationen gefragt

Daraus resultiert die hohe Akzeptanz des Projekts. Jürgen Korth, Direktor der Technischen Dienste bei MIBRAG und Auftraggeber des Projekts: "Techniker sind Praktiker, die ihre Zeit nicht mit Bürokratie und Excel-Tabellen verschwenden wollen, sie verstehen sich als Macher und nicht als Papiertiger. Sie wollen wissen: Was ist defekt? Gibt es Ersatzteile. Wann kann ich mit der Arbeit beginnen." Erfreulich hoch sei der Zuspruch bei älteren Mitarbeitern, was nur auf den ersten Blick überrascht.

"Wenn es funktioniert, ist es eine echte Erleichterung, sagen die erfahrenen Kollegen." Natürlich gebe es auch Mitarbeiter, die privat wenig Berührung mit neuen Medien hätten. Diese Mitarbeiter werden von den jüngeren mitgenommen, die den Umgang mit der "smarten" Instandhaltung nahezu spielerisch erlernten.

"Nicht die IT-Leute haben Vorträge darüber gehalten, was alles möglich ist, sondern die Praktiker darüber, was sie benötigen." - Jürgen Korth, MIBRAG

Der Wartungsplan und gemeldete akute Störungen geben einen Gesamtüberblick über die anstehenden Inspektionen oder Reparaturen. Per Drag & Drop ordnet der planungsverantwortliche Steiger die Arbeiten mit Terminvorgaben den einzelnen Monteuren oder Wartungsteams zu. Diese empfangen ihren Arbeitsvorrat via Tablet. Vor Ort kontrollieren sie das entsprechende Gerät, erfassen eventuelle Mängel.Der Nachweis über diesen Schritt erfolgt durch einen NFC-Scan.

Äußerst hilfreich dabei ist, dass über eine Schnittstelle zur Materialwirtschaft noch vor Ort die Verfügbarkeit ggf. benötigter Ersatzteile ermittelt werden kann. Die Techniker können über ihre Tablets auf gerätebezogene Anleitungen und digitale Checklisten zur Dokumentation von Tätigkeiten, Erfassung von IH-Anforderungen für Folgemaßnahmen und EQ-Wechsel sowie ein Bilderfassungs-Tool zugreifen.

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Anschließend dokumentieren sie die Durchführung einschließlich der benötigten Arbeitszeiten komfortabel via Kataloge und einfacher Dropdown-Felder. Das Ergebnis liest der Steiger in seinem zentralen Programm- genannt "Instandhaltungsportal" - ab. Für die interne Verrechnung muss er die erfassten Arbeitszeiten genehmigen.

Erstmal aufräumen

Erik Loth, Leiter Arbeitsvorbereitung und Projektleiter mobile Instandhaltung bei MIBRAG
Erik Loth, Leiter Arbeitsvorbereitung und Projektleiter mobile Instandhaltung bei MIBRAG. - Bild: MIBRAG

2014 begannen Korth und sein seinem Team mit der Planung und sukzessiven Umsetzung. Am Anfang stand zunächst das Aufräumen: Stammdaten bereinigen, Prozesse begradigen und die Erstellung eines Lastenheftes. Dessen Anforderungen wurden allein durch die Techniker definiert. Korth: „Nicht die IT-Leute haben Vorträge darüber gehalten, was alles möglich ist, sondern die Praktiker darüber, was sie benötigen.“

Mit dem IT-Dienstleister Evora IT Solution hat fand die MIBRAG einen Partner gefunden, der das Know-How und die Erfahrung zur Umsetzung einer Bergbau-App besitzt... Loth: „Wir haben die App gemeinsam in MIBRAG Work Manager getauft, um so bei den Kollegen das Interesse zu wecken, die nicht direkt am Projekt beteiligt waren.“

Ebenso konnten die Kollegen aktiv bei der Auswahl der mobilen Endgeräte mitwirken. Über längere Zeiträume wurden im Rahmen des Projekts 8 verschiedenen Tablets und Smartphone auf ihre Bergbautauglichkeit getestet. Loth: "Auch wenn die Bedingungen bei Wind und Wetter im Tagebau zumeist schwierig sind, gehen die Kollegen sehr sorgsam mit den Tablets um. Im ganzen Projektzeitraum ist von ca. 150 bisher nur ein Tablet zu Bruch gegangen."

Ausgangssituation:

  • Nachweisführung überwiegend in Excel
  • dezentrale Ablage von Anlageninformationen
  • redundante Datenhaltung
  • Optimierung der Wartungen aufwendig
  • Ursachenanalyse sehr aufwendig
  • keine automatischen Verbrauchsdatenextreme
  • Abhängigkeit von einzelnen Personenmanueller
  • Anstoß von gesetzlichen Prüfungen (hoher Risikofaktor)
  • hoher Verwaltungsaufwand

Ziel:

  • weniger Wege und Medienbrüche
  • Bereitstellung von technischen Informationen
  • Wissenstransfer aufgrund des demografischen Wandels
  • Reduzierung des administrativen Aufwandes
  • verursachungsgerechte Kostenzuweisung
  • Sicherstellung einer hohen Datenqualität
  • weitestgehend papierloser mobiler Wartungs-, Instandhaltung-& Störfallprozess

Vereinfachung und Beschleunigung der Prozesse durch digitale, papierlose Auftragsabwicklung hat das Projekt noch eine dritte Dimension. Es wurde sozusagen sozusagen "aufgeräumt".

Jürgen Korth, Direktor der Technischen Dienste bei MIBRAG
Jürgen Korth, Direktor der Technischen Dienste bei MIBRAG. - Bild: MIBRAG

Korth: "Digitalisierung bedeutet Standardisierung und erlaubt keine individuellen Sonderprozesse, Einmalentscheidungen - sogenannte mal-Schauen-Strategien eben. Historisch gewachsene, beliebte – aber zugleich fehleranfällige Individualprozesse gehören der Vergangenheit an." Im gleichen Zug konnten Stammdaten bereinigt und von doppelten Schlüsseln und Beständen befreit werden.

Klare Strukturen sind Voraussetzung für digitale Transformation. Korth: "Denn wenn man einen schlechten Prozess digitalisiert, erhält man am Ende eine digitalisierten Schlechtprozess." 

Mit der flächendeckenden Einführung im laufenden Jahr wird MIBRAG 20.000 IH-Anforderungen mit einem voraussichtlichen Zeitvolumen von rund 290.000 Stunden digital-mobil bewältigen.

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Korth: "Wir steigern damit die Anlagenverfügbarkeit, die sich heute mit 70 weniger Mitarbeitern auf dem gleich hohen Level wie 2016 befindet, senken die Kosten und generieren Daten für die strategische Planung. Damit können wir Instandhaltung auch neu positionieren: vom Kostenverursacher zum Wertetreiber."

Ein Expertenbeitrag im Auftrag der maintenance Dortmund.

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