OMV Raffinerie Burghausen

Die Raffinerie in Burghausen. Bilder: OMV Deutschland

OMV Raffinerie Burghausen

Die Raffinerie in Burghausen. Bilder: OMV Deutschland

Ein tonnenschwerer Wärmetauscher schwebt an einem Spezialkran – an einem von 38, die über das gesamte Gelände verteilt sind. Mitarbeiter in gelben Ganzkörperanzügen reinigen mit Hochdruckgeräten Behälter und Bauteile. Der Fackel-Service-Aufzug, der Arbeiter und Prüfer in 80 m Höhe bringt, steht nicht still. Überall auf dem 1600 x 750 m großen Gelände wird geschraubt, gehämmert, gereinigt, Pläne werden verglichen, Material transportiert. In der Raffinerie Burghausen wird sofort klar: Beim Stillstand einer Anlage ist alles in Bewegung. Während des Shut Downs im Herbst 2014 war die Personalstärke zehnmal so hoch wie im Normalbetrieb.

Auch wenn ein Shut Down gesetzlich vorgeschriebene Routine ist, ist er doch immer Ausnahmeprojekt und logistische Meisterleistung zugleich. Allein die Vorbereitung in Burghausen hat zwei Jahre gedauert – auch deshalb, weil nicht nur die Raffinerie selbst, sondern weitere Betriebe betroffen waren. „Weil wir unsere Raffinerie im Verbund mit weiteren Anlagen betreiben, erfordert der Shut Down noch einmal einen besonderen Abstimmungsbedarf“, erklärt Gesamtprojektleiter Martin Pipek. „Nicht nur alle Prozesse und Arbeiten selbst müssen in sich perfekt koordiniert sein und wie in einem Uhrwerk ineinander greifen, sondern auch die vor-, nach- und nebengelagerten Anlagen sind einzubeziehen.“

Eine logistische Herausforderung war der Personalbedarf: Ein Großteil der am Shut Down beteiligten Fachleute gehörten zu externen Firmen – zusätzlich zu dem Team, das regulär in der Raffinerie in Burghausen arbeitet, hatte die OMV in der Spitze rund 3.400 Mitarbeiter aus Partnerfirmen nach Burghausen geholt. „Der Umgang mit den unterschiedlichsten Partnerfirmen und ihre Koordination war eine besondere Herausforderung“, so Martin Pipek. „Da sind teils unterschiedliche Vorgehensweisen zu synchronisieren, zum Beispiel die Ausführung der Schweißpunkte und deren zerstörungsfreie Prüfung.“ Immerhin mussten insgesamt neun Prozessöfen, elf Großmaschinen, 48 Kolonnen und 1.000 Ventile zerlegt, gereinigt und wieder eingebaut werden, dazu hunderte Behälter, Tanks und Wärmetauscher. Und das nach einem exakten Zeitplan: Eine Woche war für das Abfahren vorgesehen, bis die Zufuhr von Rohöl vollständig gestoppt und alle Anlagen und Rohrleitungen von Kohlenwasserstoffen befreit waren. Darauf folgten knapp vier Wochen für die Kernarbeiten – das Zerlegen, Reinigen, Prüfen und die Sanierungen in allen Anlagen. Die letzten zehn Tage wurden für das Anfahren bis zum Vollbetrieb benötigt.

Die Industrieanlage

OMV-Raffinerie in Burghausen

Die petrochemische Raffinerie der OMV liegt im Herzen des sogenannten Bayerischen Chemiedreiecks – seit ihrer Inbetriebnahme 1967 wird sie kontinuierlich optimiert und erweitert. Seit 1987 gehört der Betrieb zur OMV Deutschland GmbH, einer 100-Prozent-Tochter der OMV Aktiengesellschaft aus Österreich. Von Burghausen aus wird der gesamte süddeutsche Raum mit Mineralölprodukten versorgt: Aus 3,8 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr entstehen Mitteldestillate wie Kerosin, Diesel und Heizöl sowie petrochemische Grundstoffe für die Kunststoff- und Reifenindustrie.

Grundsätzlich verfolgt ein solches Großprojekt ein klares Ziel: die Genehmigung für den weiteren Betrieb zu bekommen. Auch in der aktuell novellierten Betriebssicherheitsverordnung ist dazu eine regelmäßige Überprüfung vorgeschrieben – diese ist bei laufendem Betrieb jedoch nicht immer möglich: Normalerweise fließt in Burghausen rund um die Uhr Rohöl in den Leitungen und wird dann weiter verarbeitet; die Raffinerie steht niemals still. Viele Rohrleitungen und Behälter sind außerhalb eines Shut Downs jahrelang nicht von innen prüfbar, können zwischendurch nur mit Ersatzprüfungen und besonderem Aufwand überprüft und bei Bedarf saniert werden. Genau deshalb sehen die Betreiber der Raffinerie in einem Anlagenstillstand auch viel mehr als nur eine unumgängliche Pflicht, um den Vorschriften zu genügen: Sie nutzen jeden Stillstand intensiv für Instandhaltung und Modernisierung. Jedes noch so kleine Teil wird gesäubert und bei Bedarf ausgetauscht, neue Komponenten werden in die Anlage integriert.

In Burghausen wurde auch in eine neue Anlage investiert, in der das Gas Butadien produziert wird, ein Grundstoff für die Herstellung von Autoreifen. Sie wurde während des Shut Downs in die Raffinerie eingebunden. Außerdem wurden die Hochfackeln für 3,5 Millionen Euro modernisiert. Sie dienen der Sicherheit: Fallen beim An- bzw. Abfahren von Anlagenteilen große Mengen Überschussgase an, die nicht verarbeitet werden können, werden diese den Fackeln zur sicheren, kontrollierten und rückstandsfreien Verbrennung zugeführt.

Ausnahmeprojekt auch für die Prüfer

Mit der Überprüfung und Abnahme der Anlage hatte die OMV die TÜV SÜD Industrie Service GmbH beauftragt, die dem Werk schon lange zur Seite steht. „Seit 50 Jahren kennen wir die Anlage mit ihren Besonderheiten. Zusammen mit dem

OMV Raffinerie Rohrleitungen

Viele Rohrleitungen und Behälter sind im Normalbetrieb jahrelang nicht von innen prüfbar. Der Stillstand bietet diese Möglichkeit.

Betreiber leben wir eine gemeinsame Sicherheitsphilosophie“, sagt Peter Kerscher, Leiter der TÜV SÜD-Niederlassung in Trostberg. Dabei ist auch für den internationalen Dienstleister ein Shut Down wie in Burghausen ein Ausnahmeprojekt: „Es ist für uns klar der Jahreshöhepunkt“, so Peter Kerscher weiter. „Für diesen Shut Down haben wir Sachverständige aus ganz Deutschland zusammengezogen, zusätzlich zu unseren zehn Experten vor Ort sind weitere 30 Ingenieure aus unserem bundesweiten Niederlassungsnetz eingesetzt worden.“

Gemäß den Vorgaben der Betriebssicherheitsverordnung führte TÜV SÜD die vorgeschriebenen wiederkehrenden Inneren- und Festigkeitsprüfungen der Anlagen, Komponenten und Behälter durch. Dabei haben die Experten neben modernsten Verfahren der zerstörungsfreien Werkstoffprüfung auch 3D-Laserscanning eingesetzt. Für die Prüfer galt der gleiche enge Zeitplan: In den ersten beiden Wochen des Shut Downs standen bis zu 60 Inneren-Prüfungen pro Tag an, bei denen die Sachverständigen größtenteils in die Druckgeräte einsteigen mussten. Danach folgten täglich ca. 30 Festigkeitsprüfungen. Über die Prüfungen der Anlage hinaus waren die TÜV SÜD-Experten zudem in das Baucontrolling und die Qualitätssicherung der neuen Butadien-Anlage eingebunden.

Für den sicheren Weiterbetrieb einer erneuten Revisionsperiode konnte das logistische Mammut-Projekt – dank der umfangreichen Vorbereitungen – erfolgreich abgeschlossen werden. Die gesamte Anlage wurde wieder gereinigt, runderneuert und sicher angefahren. Über eines haben sich die Betreiber besonders gefreut: „Für mich besonders wichtig ist die Tatsache, dass wir das gesamte Projekt ohne wesentliche Unfälle abgeschlossen haben“, sagt Dr. Gerhard Wagner, Standortleiter der Raffinerie und Geschäftsführer der OMV in Deutschland. Seit November 2014 wird in der Anlage wieder rund um die Uhr Rohöl verarbeitet – bis der nächste Shut Down ansteht.