Welche Trends zeichnen sich für 2021 in der Instandhaltung ab? Wir haben die Antworten von Insidern.

Welche Trends zeichnen sich für 2021 in der Instandhaltung ab? Wir haben die Antworten von Insidern. - Bild: industrieblick/stock.adobe.com

| von Stefan Weinzierl

Eines steht für die Profis aus der Instandhaltung fest: Auch über dem Jahr 2021 wird das Damoklesschwert der Corona-Pandemie schweben. Auch wenn die Branche noch verhältnismäßig glimpflich durch die Covid-Krise schlitterte, treibt die Frage nach dem "Was wird?" die Entscheider natürlich um. Bleibt der Trend zu Augmented Reality im Field Service? Können die Kollegen wieder zu den Kunden aufs Betriebsgelände? Und welche Technologien können den Instandhaltern helfen, mit all den neuen Herausforderungen umzugehen?

Wir haben dazu Profis aus der Branche befragt, wie sie die Lage beurteilen. Konkret haben uns Niklas Wiegand (Executive President Engineering & Maintenance Deutschland, Bilfinger), Rico Rossdeutscher (Head of Maintenance Parts Manufacturing, Flender GmbH) und Peter Lukesch (COO, Ondeso GmbH) geantwortet.

Für Eilige: Zu den einzelnen Fragen kommen Sie auch, wenn Sie auf diese Links klicken:

  1. Rechnen Sie mit einer Verbesserung oder einer Verschlechterung der Situation Ihres Unternehmens und der Branche im Jahr 2021?
  2. Welche Technologien, Prozesse oder Strategien halten Sie für in der nahen Zukunft erfolgversprechend in der Instandhaltung – auch mit Blick auf die aktuelle Pandemie?
  3. Wie wird sich die Branche durch den Einsatz dieser Technologien verändern?
  4. Besteht die Gefahr, dass die Instandhaltungsbranche im DACH-Bereich in der aktuellen Entwicklung den Anschluss verliert?
  5. Welche Thematik wird Sie beruflich ganz konkret im Jahr 2021 am meisten umtreiben?
Schauen für uns in die Glaskugel (v.l.) Niklas Wiegand (Executive President Engineering & Maintenance Deutschland, Bilfinger), Rico Rossdeutscher (Head of Maintenance Parts Manufacturing, Flender GmbH) und Peter Lukesch (COO, Ondeso GmbH).
Schauen für uns in die Glaskugel (v.l.) Niklas Wiegand (Executive President Engineering & Maintenance Deutschland, Bilfinger), Rico Rossdeutscher (Head of Maintenance Parts Manufacturing, Flender GmbH) und Peter Lukesch (COO, Ondeso GmbH). - Bilder: Bilfinger, Flender, Ondeso

Rechnen Sie mit einer Verbesserung oder einer Verschlechterung der Situation Ihrer Unternehmenssparte Engineering & Maintenance und der Branche im Jahr 2021 und wie begründen Sie diese Auffassung?

Niklas Wiegand: "Unter der Prämisse, dass es keinen weiteren harten Lockdown mehr geben wird, sind wir für das Jahr 2021 grundsätzlich optimistisch gestimmt. Zum einen erwarten wir gewisse Nachholeffekte: Aufgrund der Pandemie verschobene Projekte und Turnarounds, das heißt Generalrevisionen von Anlagen mit einem hohen notwendigen Personaleinsatz vor Ort, werden 2021 nachgeholt. Zum anderen haben sowohl wir als auch unsere Kunden gelernt, mit der Situation umzugehen. Das reduziert die Unsicherheit im Markt, die zum zeitlichen Aufschub einiger Projekte geführt hat."

Rico Rossdeutscher: "In unserem Aufgabengebiet der internen Instandhaltung für unsere Fertigungen und Montagen sehe ich die Herausforderung eher bei unseren Dienstleistern und der Ersatzteilversorgung durch die Beeinträchtigungen der Pandemie. Hier kämpft man täglich mit den Tücken der Kontaktbeschränkungen und Reisen aus den Risikogebieten sowie den schwieriger werdenden Lieferketten und den daraus resultierenden Lieferzeiten.
Durch die strikte Einhaltung aller Hygienemaßnahmen sind wir bisher sehr gut durch diese Krise gekommen und werden das auch in 2021 hinbekommen. Der sehr hohe Ausbildungsgrad der eigenen Mitarbeiter und deren hohes Engagement hilft uns, auch unabhängig von Dritten agieren zu können. Bei der Behebung von Störfällen zählt nun mal jede Stunde bei der dreischichtigen Produktion in unseren Fertigungen, um unsere Kunden weiterhin ohne Verzüge beliefern zu können."

Peter Lukesch: "Grundsätzlich rechnen wir mit einer deutlichen Verbesserung. Die Unternehmen haben sich an die aktuelle Situation angepasst und teilweise auch neue Geschäftsmodelle entwickelt. Planung zur Weiterentwicklung, sowie neue Produkte oder Verbesserungen können nicht auf unbestimmte Zeit pausiert werden in der Hoffnung, dass zum Beispiel Covid-19 einfach verschwindet beziehungsweise durch einen Impfstoff alles umgehend wieder so wird wie Anfang 2020.
Eine große Herausforderung sehen wir allerdings darin, welche Learnings Industrieunternehmen aus diesen Umständen mitnehmen und wie sie sich für die Zukunft aufstellen, um zum Beispiel Arbeiten gegebenenfalls auch überwiegend Remote durchführen zu können und schneller auf situative Veränderungen und neue Bedrohungen gerade im Bereich der IT-Funktionalitäten im OT-Umfeld zu reagieren."

Welche Technologien, Prozesse oder Strategien halten Sie für in der nahen Zukunft erfolgversprechend in der Instandhaltung – auch mit Blick auf die aktuelle Pandemie?

Nikas Wiegand: "Im Vergleich zu anderen Branchen sehe ich in der Prozessindustrie keine fundamentalen beziehungsweise disruptiven Veränderungen durch die Pandemie. Sowohl unser Geschäftsmodell als Industriedienstleister als auch die Modelle unserer Kunden haben weiterhin Bestand. Bereits heute und auch zukünftig sind der Klimawandel und damit einhergehende nachhaltige Lösungen prägende Themen: Die Anlagenbetreiber müssen etwa ihre Emissionen reduzieren und die Nachhaltigkeit steigern. Zudem gilt es, qualifizierte Fachkräfte zu finden und zu halten. Auch sehe ich im Bereich der Digitalisierung noch weitere Chancen für unsere Branche.

Rico Rossdeutscher: "Unsere Instandhaltungs-Strategie aus eigener Kraft schlagfertig zu sein, sehe ich durch die aktuelle Situation mehr als bestätigt. Die präventive Instandhaltung und deren weitere Entwicklung mit der Digitalisierung halte ich für das Erfolgsrezept für die Zukunft.

Verdienen Sie als Ingenieur oder Techniker in der Instandhaltung genug? Oder bekämen Sie in einem anderen Bundesland oder größerem Unternehmen mehr? Mit unserem Gehaltsreport Instandhaltung finden Sie die Antwort. Einfach auf das Bild klicken und weiterlesen.
Verdienen Sie als Ingenieur oder Techniker in der Instandhaltung genug? Oder bekämen Sie in einem anderen Bundesland oder größerem Unternehmen mehr? Mit unserem Gehaltsreport Instandhaltung finden Sie die Antwort. Einfach auf das Bild klicken und weiterlesen. - Bild: Pixabay

Eine Ansammlung der Daten aus den Prozessen ist die eine Seite, deren präzise Nutzung, um geplanter tätig zu sein die Andere. Hier müssen wir weiter lernen und uns entwickeln. Dabei helfen uns auch die Kollegen aus unserem Customer Service mit ihrer Expertise im Condition Monitoring. Diese jahrelange Erfahrung aus dem Feld übertragen wir auf unsere Produktionsmaschinen, um erste Indikationen von Veränderungen aus Instandhaltungssicht wahrzunehmen und präventiv agieren zu können. Leider verlieren wir durch die Absagen von Schulungen und den geltenden Kontakteinschränkungen durch die Pandemie etwas an Fahrt."

Peter Lukesch: "Die Vernetzung von Maschinen und Anlagen bildet die Grundlage für alle aktuellen Hype-Themen wie (immer noch) Industrie 4.0, IIoT und KI. Während diese auch viele neue Geschäftsmodelle erst möglich machen entstehen damit auch neue Aufgaben und Risiken in der Instandhaltung die über mechanische und elektronische Aufgaben hinausgehen. Diese Aufgaben können und müssen nicht immer vor Ort und an jedem Gerät einzeln erbracht werden. Digitale Instandhaltung inklusive den Umsetzungswünschen von CIOs und Schutzmaßnahmen von CISOs müssen standardisiert und automatisiert werden, damit die Instandhaltungsarbeit nicht immense Kosten von kaum verfügbarem Fachpersonal verursacht. Nur so kann das Hauptaugenmerk wieder auf Verbesserungen und Optimierungen von Prozessen und Einführung neuer Technologien gelegt werden. Dabei wird die Einbettung der IT-Instandhaltungsprozesse im OT-Umfeld, unter Berücksichtigung der Produktions- und Instandhaltungsprozesse, in die bereits im Office-Bereich etablierten Prozesse eine tragende Rolle spielen."

Wie wird sich die Branche durch den Einsatz dieser Technologien verändern?

Nicklas Wiegand: "Digitale Technologien haben wir in unserem Alltagsgeschäft bereits implementiert. So arbeiten wir zum Beispiel mittlerweile oft schon papierlos. Unsere Fachkräfte sind mit einem mobilen Endgerät, beispielsweise einem Smartphone oder Tablet, ausgestattet. Auf diesem Gerät erhalten sie Arbeitsaufträge und Sicherheitshinweise, die sie vor den Arbeiten an der Anlage abrufen können.
Anschließend tragen sie die erledigten Arbeitsschritte auf dem Gerät direkt digital in das System ein. Das steigert nicht nur die Effizienz, sondern erhöht auch die Arbeitssicherheit. Damit machen wir die Digitalisierung für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber auch für unsere Kunden erlebbar – sie erkennen, wie einfach die Nutzung dieser Tools für sie ist, und welche Vorteile sie hat."

Rico Rossdeutscher: "Es wird die Branche mit der Verarbeitung der Daten schon stark verändern, da hier nicht nur der klassische Elektriker oder Schlosser gefragt ist. Mathematische Ansätze wie auch die Digitalisierung der Daten via KI und Softwarelösungen werden aus meiner Sicht die Zukunft bestimmen. Hier brauchen wir gut ausgebildete Spezialisten auf ihrem Gebiet, welche aber in den Alltag eines Instandhalters eintauchen müssen. Die Herausforderung wird das Zusammenbringen der einzelnen Skills sein."

Peter Lukesch: "Das Wissen über das Zusammenspiel der Prozesse, verwendeter Technologien, Risikoanalysen und entsprechender Maßnahmen zur Eindämmung wird immer komplexer und ist von einzelnen Personen nicht mehr vollständig beherrschbar. Die Arbeiten müssen entsprechend der Kompetenzen aufgeteilt werden, sodass zum Beispiel die Instandhaltung und IT Hand in Hand arbeiten und sich unterstützen können, statt nach Abgrenzungsmöglichkeiten zu suchen. Zusätzlich werden neue Berufsbilder entstehen in denen zum Beispiel Instandhalter aber auch Ingenieure ein tieferes IT Know-how entwickeln und so an der Schnittstelle arbeiten können.
Bereits 2018 titelte der VDI dazu „Dem IT-Ingenieur gehört die Zukunft“. Vergleichbar ist diese Entwicklung mit der EDV / IT-Durchdringung im Büro und Office-Bereich der 80er Jahre. Auch damals haben sich die Berufsbilder massiv geändert oder neue sind entstanden.
Hersteller und Ausrüster werden für ihre eigene Zukunftsfähigkeit mehr an gemeinsamen Standards arbeiten müssen, denn einen eigenen Spezialisten für jedes neue Gerät und jeden weiteren Maschinenhersteller wird weder der Fachkräftemangel noch das Budget der Anlagenbetreiber künftig zulassen."

Besteht die Gefahr, dass die Instandhaltungsbranche im DACH-Bereich in der aktuellen Entwicklung den Anschluss verliert?

Niklas Wiegand: "Wir orientieren uns bereits an den aktuellen Entwicklungen und integrieren diese in unsere Arbeit. Auch künftig werden wir verstärkt digitale Technologien nutzen, um unsere Effizienz als Industriedienstleister und den Mehrwert unserer Services für unsere Kunden zu steigern. Was die Digitalisierung der Kundenanlagen angeht, sind wir jedoch Dienstleister – die Entscheidung dafür trifft letztendlich der Kunde."

Rico Rossdeutscher: "In der aktuellen Situation verliert die Branche durch nicht stattfindenden Erfahrungsaustausch schon an Boden. Auch die in der Branche vorhandene zögerliche Weiterbildungssituation hemmt die Entwicklung. Gleiches gilt für die bei vielen Unternehmen vorhandene reservierte Bereitschaft in Investitionen aufgrund der wirtschaftlichen Situation und Ungewissheit wie sie durch die Pandemie kommen. Dieses trägt nicht dazu bei mit der Entwicklung weiter Fahrt aufzunehmen."

Peter Lukesch: "Laut VDMA war 2019 Deutschland mit 15,9 Prozent Anteil das größte Maschinen-Exportland und beim Umsatz auf Platz 3. Als Land der Ingenieure haben wir zusammen mit der gesamten DACH-Region eine sehr hohe Innovationskraft und einen sehr guten Ruf, wenn es um den Maschinen- und Anlagenbau geht. Allerdings entstehen in immer schnelleren Zyklen mehr Innovationen durch softwarebasierte Lösungen. Bei der Softwareentwicklung und dem Einsatz von digitalen Geschäftsmodellen befinden sich viele Hersteller noch in einer Findungsphase, die zu einem entscheidenden Wettbewerbsnachteil werden kann und für die sich Unternehmen auch personell strategisch aufstellen müssen.

So ist zum Beispiel aktuell gerade bei Automobilherstellern und -zulieferern ein drastischer Wandel zu verzeichnen, bei dem Absolventen aus Ausbildungs- und Studienzweigen wie Softwareentwicklung, Informatik, IT-Sicherheit, und so weiter in enormen Stückzahlen gesucht werden. Diese Berufsbilder gelten allerdings aufgrund ihrer hohen Anforderungen nicht gerade als die attraktivsten und auch nicht jedem liegen diese häufig sehr theoretischen Aufgaben. Gerade diese bevorstehende und abzusehende Personalnot wird die zentrale Herausforderung werden, der sich Unternehmen und auch unser Bildungssystem stellen müssen."

Video: So vermeiden Sie ungeplante Stillstände - die richtige Instandhaltungsstrategie

Die oberste Aufgabe der Instandhaltung ist es, den Betrieb am Laufen zu halten. Dabei sollten auch noch die Ressourcen geschont werden. Welche verschiedenen Instandhaltungsstrategien es gibt, bespricht Simon Mayer mit Markus Albrecht in diesem Video. - Inhalt: Ludwig Meister

Welche Thematik wird Sie beruflich ganz konkret im Jahr 2021 am meisten umtreiben?

Niklas Wiegand: "Persönlich werde ich mich im kommenden Jahr besonders um die optimale Zusammenarbeit unserer Einheiten in Deutschland kümmern. Durch die Integration der verschiedenen Dienstleistungen können und werden wir unseren Kunden immer die bestmöglichen Lösungen bieten."

Rico Rossdeutscher: "Am meisten beschäftigt mich die Gesundheit meiner Kolleginnen und Kollegen sowie ihrer Familien. Wie geht es in Deutschland mit der Covid 19 Situation weiter. Ich hoffe, 2020 irgendwann im kommenden Jahr abhaken zu können. Hoffentlich gibt es wieder die Möglichkeiten des Erfahrungsaustausches via Messen und sonstigen Veranstaltungen sowie Trainees geben wird. Dass wir weiter ohne große Einschränkungen und mit einer gesunden Mannschaft an unserem gemeinsamen Ziel der präventiven  Instandhaltung arbeiten können."

Peter Lukesch: "Nach der Etablierung unserer Produkte und erfolgreichen Umsetzung vieler Projekte zusammen mit unseren Kunden in den letzten Jahren steht uns eine spannende Zeit bevor, in der wir nicht nur personell wachsen und uns erweitern wollen. Zusammen mit Partnern möchten wir national und international noch mehr Betreiber mit unseren Lösungen unterstützen.
Aus diesen Erfahrungen sind wir zusätzlich in der Lage Maschinen- und Anlagenbauern bei der Planung und Umsetzung ihrer digitalen Geschäftsmodelle zu unterstützen, um so gemeinsam Herausforderungen wie Cyberbedrohungen zu meistern, digitale Servicemodelle voranzutreiben und den Innovationsvorsprung der DACH-Region zu erhalten und gegebenenfalls sogar weiter auszubauen."

Bilderstrecke: Die führenden Industrieservice-Unternehmen Deutschlands 2020

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