Im Homeoffice kann es bei aller denkbaren Effizienz doch schnell einsam werden

Im Homeoffice kann es bei aller denkbaren Effizienz doch schnell einsam werden. - Bild: stock.adobe.com./Kemedo

| von Prof. Dr. Lennart Brumby

Mittlerweile sind wir ja routinierte Profis geworden im Umgang mit Videokonferenzen. Egal, ob Zoom, MS Teams, GoTo, Webex oder wie die vielen Tools noch heißen. Alles ist mittlerweile mal ausprobiert worden. Wir wissen nun, wie wir unseren Hintergrund gestalten, wie man seinen Bildschirm teilt und dass man sein Mikrofon besser ausschaltet, wenn der Hund anfängt zu bellen.

Zahlreiche Online-Vorlesungen habe ich so in den letzten Monaten durchgeführt, an viele Verbands- und Normungstreffen über das Web teilgenommen und Konferenzen und Messen online besucht. Auch privat sind wir geübt, uns mit den Großeltern über Facetime zu unterhalten und mit anderen Familien via Skype stundenlang Kniffel zu spielen. Ich habe sogar einmal versucht, einen virtuellen Kneipenabend mit den Jungs über Zoom zu organisieren.

Und doch trotz aller Routine will sich bei mir nicht ein zufriedenes Gefühl bei diesen Online-Meetings einstellen. Sicher, die Studierenden waren überwiegend zufrieden mit den Web-Vorlesungen, sogar die Klausurergebnisse waren anständig. Und die Normungstreffen hatten online oft mehr Teilnehmer als früher bei Präsenztreffen. Aber sowohl bei Online-Vorlesungen als auch -Verbandstreffen fehlt mir der persönliche Blick-Kontakt, die vielen kleinen beiläufigen Gespräche, die am Bildschirm nur schwer möglich sind. Die aber doch so entscheidend sind für unsere persönlichen Beziehungen.

Ganz deutlich wurde mir dies bei einem Web-Meeting, das ich vor ein paar Wochen noch vor dem offiziellen Beginn des 1. Theorie-Semesters mit meinen neuen Erstsemestern durchgeführt habe. 20 junge Menschen und ich, nicht mehr ganz so jung, saßen da vor ihren Bildschirmen. Keiner kannte den anderen. Ich begrüßte alle, betonte den informellen Charakter dieses Treffen, ließ jeden und jede sich kurz vorstellen. Erzählte ein paar Anekdoten für Erstsemester, stellte Fragen in die Runde und versuchte, gute Stimmung zu machen. Aber alle Antworten kamen sehr zögerlich. Keiner traute sich, mal etwas mehr von sich zu erzählen. Fragen wurden nur sehr wenige gestellt. Immerhin haben Sie eine WhatsApp-Gruppe initialisiert.

Für mich war dieses erste Web-Meeting mit meinen Erstsemestern eine Bestätigung, wie wichtig doch persönliche Kontakte sind für die Zusammenarbeit. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit braucht Vertrauen, und das lässt sich virtuell nur schwer aufbauen, wenn man sich noch gar nicht kennt.

Viele Studien und Umfragen haben sich mittlerweile mit Web-Meeting beschäftigt, mit teils widersprüchlichen Ergebnissen. Laut einer Ifo-Umfrage sehen vor allem kleine Firmen die Arbeit im Homeoffice skeptisch. Nur 2,9 Prozent der Unternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern berichteten von steigender Produktivität. Die Stiftung Familienunternehmen kommt zum Schluss, dass der persönliche Kontakt der Mitarbeiter untereinander eine Dynamik und Innovationskraft schafft, die auch Videokonferenzen nicht vollständig ersetzen können.

Ich bekenne, ich habe diese Online-Meetings satt. Ja, ich will endlich wieder unter Menschen! Ich freu‘ mich auf volle Straßenbahnen, ohne Angst zu haben, sich anzustecken. Auf unbekannte Sitznachbarn in Zügen, mit denen man sich belanglos unterhalten kann. Auf Schunkeln mit unbekannten Menschen in vollen Kneipen an Fastnacht. Auf Bierduschen im Fanblock bei den Toren meines Lieblingsvereins.

Am Anfang des Jahres habe ich in meiner Kolumne noch von „guten Vorsätze“ geschrieben und alle aufgefordert, sich etwas vorzunehmen. Doch wie, wenn man die ganze Woche nur zu Hause am Computer sitzt und sich von einem Web-Meeting zum nächsten klickt.

Oder, um es in den Worten von H.P. Baxxter, Frontman der Band Scooter, zu sagen: I don’t give a penny, fck twenty twenty!

Also, 2021 kann nur besser werden. Beschließen wir dieses verrückte Jahr anständig und freuen uns auf die schönen Veranstaltungen und Treffen, die im nächsten Jahr dann hoffentlich bald wieder möglich sein werden. Und dass wir uns dann irgendwann auch wieder mit einem zünftigen Handschlag oder Schulterklopfen begrüßen können. Ich freu‘ mich darauf. 

Ihr

Lennart Brumby

Der Autor Prof. Dr. Lennart Brumby

Prof. Dr. Lennart Brumby ist Studiengangsleiter für Service Engineering an der DHBW Mannheim. Der ausgewiesene Instandhaltungs-Experte ist Mitglied im DIN Normungsausschuss Instandhaltung, im EAMC European Asset Management Committee, im FVI Forum Vision Instandhaltung, in der GFIN Gesellschaft für Instandhaltung, im KVD Kundendienst-Verband Deutschland, im VDI Fachausschuss After Sales Service, im VDI Fachausschuss Instandhaltung und WVIS Wirtschaftsverband für Industrieservice. Seine Kolumne erscheint exklusiv beim Fachmagazin Instandhaltung.

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