Predictive Maintenance soll - glaubt man ihren Verfechtern - so ziemlich alle Probleme lösen. Unser Kolumnist plädiert für eine realistischere Sichtweise.

Predictive Maintenance soll - glaubt man ihren Verfechtern - so ziemlich alle Probleme lösen. Unser Kolumnist plädiert für eine realistischere Sichtweise. - Bild: ra2 studio/stock.adobe.com

| von Prof. Dr. Lennart Brumby

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"Wir müssen ein wenig aufpassen mit dem Erwartungsmanagement" hat vor einigen Wochen unser Bundesgesundheitsminister Spahn im Interview geäußert, nachdem er über die geplanten Corona-Impfungen ab April berichtet hatte. Ein bemerkenswerter Satz, wie ich finde, spiegelt er doch sehr gut wider, wie heute Ereignisse und Veränderungen bewertet werden. Denn nicht mehr das eigentliche Ergebnis wird als solches kommentiert und bewertet, sondern die womöglich vorhandene Abweichung zu einer vorab geäußerten Erwartungshaltung steht im Vordergrund. Ist das Ergebnis unter der Erwartung, wird schnell der Daumen gesenkt.

Börsianer kennen das nur zu gut, denn so funktioniert grundsätzlich auch die Börse. Unternehmen geben regelmäßig Ihre Ergebnisprognosen ab, und wenn dann der erzielte Jahresüberschuss zwar immer noch mehrere Millionen beträgt, aber doch unter dem prognostizierten Ergebnis liegt, wird der Aktienkurs in der Regel gnadenlos abgestraft und sackt in den Keller. Der Börsenkurs einer Aktie spiegelt immer nur die Erwartungen wider, die in die Aktie gesetzt werden, und nicht den realen Wert des Unternehmens. Börsennotierte Unternehmen verwenden daher viel Energie, die Erwartungen Ihrer Aktionäre und insbesondere der Aktienanalysten immer gezielt zu steuern, um heftige Kursschwankungen möglichst zu vermeiden.

Ähnliches kommt mir in den Sinn, wenn ich in manchen Fachgremien zur Instandhaltung die Diskussionen zum Thema Predictive Maintenance verfolge. Was wird da nicht alles versprochen, mit welcher Präzision schlaue Algorithmen dort Maschinen-Ereignisse vorhersagen können. Der Instandhalter erwartet dann aufgrund dieser Versprechen, dass er mit diesen Algorithmen die Restlebensdauer seine Maschine genau bestimmen kann. Eine super Sache, dieses Predictive Maintenance, wenn’s denn so wirklich eintrifft. Mir persönlich sind allerdings nur ganz wenige Einsatzfälle bekannt, wo dies auch genauso funktioniert (Ich freue mich schon auf die vielen Beispiele dazu als Reaktion. Aber Vorsicht, ich könnte kritisch nachfragen.)

In einer aktuellen Studie von BearingPoint zur Predictive Maintenance erwarten 25 Prozent einen messbaren Nutzen noch während der Einführung von Predictive Maintenance. 55 Prozent erwarten einen messbaren Nutzen spätestens im Jahr nach der Projektumsetzung. Ich habe Zweifel, dass bei solch‘ hohen Erwartungen ein Predictive-Maintenance-Projekt überhaupt erfolgreich sein kann. Wäre es da nicht besser, im Sinne eines aktiven Erwartungsmanagements mit nicht ganz so vollmundigen Ankündigungen das Thema anzugehen? Allen jetzt erregten Predictive-Maintenance-Predigern sei gesagt: Ich schätze durchaus diese Technologie und halte sie in vielen Bereichen für sehr interessant. Aber mir gehen viele der damit verbundenen Versprechen zu weit.

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Natürlich weiß auch ich, dass wir neue Themen zu Beginn erst einmal pushen müssen, dass wir Begeisterung wecken müssen, die dann wiederum bei den potenziellen Anwendern eine Investitionsbereitschaft hervorbringt. Auch ich versuche gerne sowohl in meinem Studiengang wie auch zu Hause, Begeisterung für eine Sache zu erzeugen (kaum hat mein Verein mal zwei Spiele in Folge gewonnen, träume ich von der Champions League). Wir brauchen oftmals diese hohen Erwartungen, diese Vorfreude. Wir brauchen sie als Schubkraft auf dem Weg zum noch weit entfernten Ziel.

Wenn aber diese Erwartungen offensichtlich zu hoch angesetzt werden, dann schlägt die Begeisterung schnell in Enttäuschung um. Und das hat da Thema Predictive Maintenance nicht verdient. Daher, liebe Predictive-Maintenance-Prediger und Anbieter dieser Technologie: Ihr habt ein tolles Produkt, aber bitte verkauft es etwas realistischer. Versprecht keine Wunder, sondern arbeitet an Eurem Erwartungsmanagement

So, ich muss jetzt zum Schluss kommen, denn meine Kinder erwarten heute Abend die weltbesten Pfannkuchen von mir. Hab‘ ich ihnen versprochen, und das werden Sie auch von mir bekommen.

Ihr

Lennart Brumby

Der Autor Prof. Dr. Lennart Brumby

Prof. Dr. Lennart Brumby ist Studiengangsleiter für Service Engineering an der DHBW Mannheim. Der ausgewiesene Instandhaltungs-Experte ist Mitglied im DIN Normungsausschuss Instandhaltung, im EAMC European Asset Management Committee, im FVI Forum Vision Instandhaltung, in der GFIN Gesellschaft für Instandhaltung, im KVD Kundendienst-Verband Deutschland, im VDI Fachausschuss After Sales Service, im VDI Fachausschuss Instandhaltung und WVIS Wirtschaftsverband für Industrieservice. Seine Kolumne erscheint exklusiv beim Fachmagazin Instandhaltung.

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